Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee, 281
Höhe jedoch nie die Hochwassergrenze übersteigt, angehägert, allein wo bleibt
der weitaus größere Teil? Unsere Watten sind sozusagen gesättigt, weshalb
Hübbe‘!) meint, daß die überschüssige Menge in See hinausgelange, wodurch der
Schlickreichtum des Meeres stetige Zunahme erfahre, eine Behauptung, die
jedoch in krassestem Widerspruch steht mit den Seekarten und den Boden-
untersuchungen des Korvettenkapitäns Holzhauer.“) Ein Rätsel muß es aller-
dings vorerst bleiben, wo der Überschuß untergebracht wird,
Halten wir also fest: Der Schlick entstammt drei Quellen:
1. Dem Flußwasser, das Detritus herabschwemmft,
2, dem Meere, das an seinen Küsten und in seinem Schoße
Schleifmehl aufbereitet und heranfrachtet,
3. dem chemischen Laboratorium der Brackwasserzone.
Woher stammt nun der Sand? Diese Frage, die außerordentlich wichtige
Punkte sowohl der Sandbänke und der Inseln als auch besonders der Fluß-
mündungen berührt, ist auffälligerweise kaum in den Bereich der Untersuchungen
gezogen worden, und wo sie gelegentlich gestreift worden ist, da trifft man
nicht selten die widersprechendsten Ansichten. Die Frage sollte bei dem
Geographen und Geologen nicht weniger als bei dem Strombau-Ingenieur das
lebhafteste Interesse erwecken.
Der Augenschein lehrt, daß durch Abbröckelung unserer Gestadeinseln
viel Material gewonnen ward und noch wird. Beyer®) sagt bezüglich der Insel
Sylt, daß ihre Westküste selber die Quelle sei, woher das Material sowohl für
die ihr parallel verlaufenden Sandriffe als für die auf ihren Strand geworfenen
Sandmassen stamme. Das Meer als die Quelle desselben lehnt er ab, wenngleich
es auch, wie er zugibt, durch Zerkleinerung und Zerreibung von größerem
Material, Grand, Geröll, Gesteinen und Muscheln, eine gewisse Menge davon er-
zeuge, Er beruft sich dabei auf Sokolow,*) welcher schreibt: »Die verhältnis-
mäßige Langsamkeit dieses Vorganges und die Beschränktheit der Fläche, auf
welcher er sich abspielt, lassen vermuten, daß der vom Meere aufbereitete Sand
einen unwesentlichen, sogar verschwindenden Teil der oft ungeheuren Massen
ausmacht, welche von den Wellen an die Küste getragen werden«, Beyer be-
weist aber gerade mit diesem Zitat, daß für das Material höchstens nur zum
Teil die Küste-als Quelle in Frage kommt; denn wo wären sonst unsere Inseln,
wenn sie seit so vielen Jahrhunderten, ja Jahrtausenden solche Massen abgegeben
hätten, die Sokolow als oft ungeheure bezeichnet. Und dann muß man hier
auch einwenden: woher stammt denn die Inselreihe bzw. die Dünenkette? Außer-
dem sei nach seiner Meinung die Transportkraft der Meeresströmung zu gering
und die Entfernung derselben von der Küste zu groß, um aus entfernteren Ge-
bieten Sand hierher zu transportieren, Nach Beyers Auffassung kommen für
die Sandanhäufungen an der nordfriesischen Inselreihe auch die kleinen Küsten-
flüsse nicht in Betracht. — Für die Verschlammungen zwischen Ems und Elbe
glaubt Prestel5) den Detritus von den englischen und schottischen Küsten ver-
antwortlich machen zu müssen,
Kurz, diese kleine Auslese legt uns nahe, bei unserer Untersuchung be-
züglich der Herkunft der Sandanspülungen an unserer deutschen Nordseeküste
vornehmlich drei Punkte einer Prüfung zu unterwerfen:
«) das Meer, ß) die Inselreihe, y) die Flüsse,
Wenden wir uns zunächst «) der Nordsee zu und fragen uns: Beherbergt
das Meer Sandmassen und woher stammen sie?
1901. 8.
‘) Zeitschrift für Bauwesen, X, Berlin, 1860.
) Vgl. folgende Seite, ;
\ A. Beyer, Untersuchungen über Umlagerungen an der Nordseeküste; Diss, Erlangen
Sokolow, Die Dünen, Berlin 1894, .S. 35. .
Prestel. Boden und Klima Ostfrieslands, Emden 1870.