Studienrat Br. Margarete Gans: Bas Hudsonmeer.
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Sagenschatz der nordwestlichen Eskimos indianische Züge, so die Sagen von der Entstehung von Tag
und Nacht, vom Ursprung des Narwals, des Renntiers, von einem Riesen, dessen Sehnen durch einen
Menschen zerschnitten worden sind, und von einem Fabelwesen, das Leichname aus Gräbern stiehlt.
Auf der Ostküste tritt eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen den eskimoischen Sommerlagern und
den indianischen Wigwams hervor. 220 )
Schließlich sind die Hudsonmeer-Eskimos auch durch Berührung mit Weißen beeinflußt worden.
Von Great Whale-River aus sind durch die Bemühungen eines Rev. Mr. Peok von der Church Mission
Society die meisten der östlichen Eskimos zum Christentum bekehrt worden. Allerdings neigen sie, da
die anglikanischen Missionare nicht wie die der Mährischen Mission ständig unter ihnen leben, son
dern sie in der Regel nur einmal jährlich besuchen, stark zum Rückfall ins Heidentum. Die Eskimos
der Nordwestküste sind noch nicht christianisiert. Die Kunst des Lesens aber ist bei allen Eskimos der
Hudsonmeerküsten verbreitet. Great Whale-River ist das Buchverteilungscentrum für die Ost-, Cum-
berlandgolf für die Nordwestküste. Ferner geben die Eskimos der Nordwestküste unter dem Einflüsse
der weißen Waler, die bei ihrer Heimreise immer alle entbehrlichen Boote unter ihre Eskimo-Gehilfen
verteilen, allmählich den Gebrauch des Kajak auf, die Aivillik und die Kinipetu benutzen ihn nur noch
zu Inlandjagden. In der Kleidung haben bis jetzt nur die Kinipetu Europäisches verwendet, indem
sie ihre Pelzjacken mit Streifen roten und schwarzen Stoffes, den sie in Churchill einkaufen, besetzen.
Auf der Ostküste tragen viele Eskimofrauen ihr Haar kurz geschoren, eine Nachahmung der Haar
tracht der Gemahlin des officer der Hudsonbaigesellschaft von Great Whale-River. Infolge ehelicher
Verbindung zwischen Walfängern bez. Angestellten der Hudsonbaigesellschaft und Eskimofrauen haben
im Nordwesten die Aivilliks und in geringerem Maße die Netchilliks, im Osten die Eskimos in der Nähe
der Handelsposten eine Beimischung weißen Bluts erhalten.
Die Indianer an den Hudsonmeerküsten stellen natürlicherweise kein so verhältnismäßig seß
haftes Element dar wie die Eskimos: sie verbringen in der Regel den Herbst und den Winter im In
nern auf der Jagd, kommen im Frühjahre zum Handel an die Küste und bleiben den Sommer über meist
dort zu Fischfang und Jagd. Die Hudsonmeer-Indianer sind fast alle Crees, vom großen Stamme der
Algonkinen. Nur im Nordwesten, nördlich des Churchill, leben Chipewyans, also Leute des Athabaska-
oder Dene-Stammes. 221 ) Die Chipewyans am Hudsonmeere unterscheiden sich von ihren Stammesge
nossen im Innern dadurch, daß sie fast keine Kanus besitzen, also mehr über Land als auf Flüssen da
hinreisen. Die Crees unmittelbar südlich des Churchill stehen nicht in Handelsbeziehung zum Hudson
meere, sie gehen zum Handel nach Split-Lake. 222 ) Nach Fort York kamen zur Zeit des Jesuitenpaters
Maresit (1702—12) auch Assiniboines, d. sd. Indianer vom Stamme der Dakota oder Sioux. Die Crees
am Unterlaufe und an der Mündung des Weenisk sind berühmt wegen ihrer großen Geschicklichkeit
im Fischfang durch den Bau sinnreicher Wehre. Auf der Ostküste bilden nach Low die „Coastal In
dians of Hudson Bay“ einen besonderen Unterstamm der Labrador-Crees. Sie sind beschränkt auf
einen schmalen Küstenstreifen vom Süden der Jamesbai bis zum Little Whale-River.
Über die Anzahl der zum Hudsonmeere ln Beziehung stehenden Indianer liegen keine zuver
lässigen Gesamt-Berichte vor. Im einzelnen werden angegeben: von Alcock 1916 als Zahl für die nach
Churchill kommenden Chepewyans 170, von J. B. Tyrrell 1912 als in Fort Albany im Handelsdienste der
Regierung stehend 741, in Fort Severn und in Weenisk-River schätzungsweise 250, desgleichen in Atta-
wapishkat 150; von Low 1902 für die Küstenindianer des Ostens 4016; an die Südküste kommen nach
Bell weniger Indianer wegen der geringeren Anzahl der Pelztiere im Hinterlande. Es ist wohl nicht
fehlgegriffen, die Anzahl der Hüdsonmeer-Indianer auf etwa 5000 zu schätzen. Das ist eine höhere Ziffer
als die für die Eskimos und wird mit den im allgemeinen besseren Lebensverhältniissen in den süd
licheren Wohngebieten Zusammenhängen.
- M ) Coats spricht (S. 90) von einer dunklen indianischen Gesichtsfarbe der Eskimos an der Labradorknsto.
Bafiir findet sich zurzeit keine Erklärung, da sich ja Indianer und Eskimos nie mischen.
22 ‘) F. J. Alcock. The Churchill River. Geogr. Rev. 1916, Bez., S, 446.
322 ) Alcock, S. 446.