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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — Nr. 1. 1926.
Eine Sonderstellung nehmen die Hudsonmeer-Eskimos auch ein durch gewisse rein lokal be
dingte Lebensverhältnisse und Kultureigentümlichkeiten. Die Sedlingmiut verwendeten, als sie noch
auf der Southampton-Insel wohnten, stark den sibirischen Kalkstein dieser Insel zum Bau ihrer Win
terwohnung an Stelle des Schnees und zur Verfertigung ihrer Lampen anstatt des fehlenden Speck
steins. 217 )
Die mehr auf die Küste beschränkten Aivillingmiut leben ausschließlich von Seetieren, die mehr
landeinwärts wohnenden Kenipitumiut und Padlimiut jagen vorwiegend Landtiere: Renntiere, Rotwild
und Moschusochsen. Die ganze Lebenshaltung der letzteren Stämme ist daher viel reinlicher als die der
Äivillik, ferner verehren sie statt der allgemein- und centraleskimoischen, auch auf der Ostküste heilig
gehaltenen Sedna, der Mutter aller Seesäugetiere, Nuliayoq, die Göttin aller See- und Landtiere. 218 )
Renntier, Rotwild und Moschusochse spielen auch als Materiallieferanten für Kleidung und Gerätschaf
ten eine beherrschende Rolle, der Walfisch tritt fast ganz zurück. Die Sommerkleider und die äußeren
wie die inneren Winterkleider der Kinipetu und durch diese auch der Äivillik bestehen fast nur aus
Renntierfellen. Der Menge der Tiere entsprechend, sind sie reichlich bemessen; die Männer tragen
Außenschuhe und die Frauen große Fußknöcheltaschen. Auch die über beiden Ohren befestigten Haar
knoten der Frauen pflegen in Renntierfell eingehüllt zu werden. Rehhäute finden Verwendung bei der
inneren Auskleidung der Kinipetu-Kajaks, die dadurch sehr leicht werden; mit den weißen Stücken
werden Rücken und Ärmel der Frauenkleidung befliekt. Das Horn des Moschusochsen dient zur Her
stellung der Bogen (2 Hörner werden in der Mitte zusammengenietet) und fast aller Löffel und Schöpf
löffel der nordwestlichen Stämme. Da die Kinipetu infolge ihres Wohnortes leichter zu Holz gelangen
können, spielt auch dieses Material eine gewisse Rolle bei der Herstellung von Gebrauchsgegenständen:
aus Holz sind vielfach die Schlittenkufen, ferner die Knöpfe zur Befestigung der Kinderkapuze an der
Frauenkieldung. Lokal sagen knüpfen sich an die Marble-Insel und an eine walfischförmige Insel
der Wager-Bucht: jede soll durch ein den religiösen Vorschriften zuwiderhandelndes Hinschauen einer
Witwe 219 ) ihren Steincharakter erhalten haben, erstere aus Eismassen, letztere aus einem Walfische.
Da auf der Ostküste im Januar durch heftige Stürme die Seehundsjagd der Eskimos stark er
schwert, ja verhindert wird, da auch Rotwild im allgemeinen nicht häufig ist, kommt es am Anfänge
des Jahres nicht selten zu Hungersnot und Seuche. Mit der knapperen Bemessung der Jagdbeute hängt
sicher auch die gewisse Kargheit in der Bekleidung der östlichen Eskimos zusammen: Männer und
Frauen tragen die gleichen engen Hosen und Stiefel. Weil ferner auf der Ostküste des Hudsonmeers
die Baumgrenze das Gebiet der Eskimos schneidet, gestaltet sich der Sohlittenbau verschiedenartig:
Südlich der Baumgrenze, wo es mehr Holz und auch Treibholz gilbt, sind die Kufen sehr lang, 4—6,
durchschnittlich 5m, und aus einem Stück; weiter nördlich sind die Schlitten kürzer, und die Kufen
bestehen aus mehreren, mit Seehundhautriemen zusammengebundenen Holzstücken; wo kein Holz
vorhänd'en ist, wird Fischbein, ja Eis zu den Kufen verwendet.
Neben der rein lokalen ist hei den Hudsonmeer-Eskknos —ausgenommen vielleicht die Sedling
miut — auch eine gewisse Beeinflussung durch die benachbarten Indianerstämme unverkennbar, wenn
auch bei weitem nicht so stark wie hei den Alaska-Eskimos. Es ist indianischem Einflüsse zuzuschrei
ben, daß die Eskimos der Nordwestküste sich einmal Pfeifen überhaupt und dann mit Speoksteinkopf
und Holzstiel in der typisch-indianischen Form hersteilen. Auch das krumme Vorlegemesser (carving
knife) ist von den Indianern übernommen. Stark tritt das indianische Element in der Vorliebe der
nordwestlichen Eskimos für allerlei Schmuck hervor: sie tragen aus Elfenbein oder Speckstein ge
schnitzte, zierlich geformte Anhängsel; die Frauen tätowieren sich Gesicht und Arme; die Kinipetus
insbesondere bemalen ihren Kajak mit aus Eisenoxyd gewonnenen Farben, meist mit schwarzen und
roten Bändern. (Der einzige bemalte Kajak bei den Eskimos überhaupt!) Schließlich trägt auch der
317 ) Es ist höchst eigenartig, wie trotz des viel spröderen, fast ungeeigneten Materials doch die allgemein üb
liche, gewünschte Form, wenn auch etwas roher, beibehalten werden konnte.
31s ) Corner vermutet dahinter 2 Gottheiten, eine Beschützerin der See- und eine andre der Landtiere.
219) Witwen dürfen sich nicht um schauen und keine Tiere ansehen.