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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte.
Nr. 1. 1926.
Die Zahlen über die Hebungsbeträge des Hudsonmeers aus der Champlain-Überflutung heraus
genügen noch nicht, um das von mehreren Geologen gestellte Problem: War die Hebung im Norden
bez. Nordosten stärker als im Süden bez. Südwesten? klar und eindeutig lösen zu können.
Da die Existenz des Hudsonmeers nur darauf beruht, daß die nacheiszeitliche Hebung die voraus
gehende Senkung noch nicht ausgeglichen hat, ergibt sich mit Notwendigkeit die Frage: Ist die post-
glaziale Hebung mit der Herausbildung des gegenwärtigen Hudsonmeers als abgeschlossen zu betrach
ten, oder sind an der jetzigen Hudsonmeerküste Anzeichen dafür vorhanden, daß die Hebung in ge
schichtlicher Zeit noch fortgeschritten ist und auch weiter fortschreitet? Ist also ein Streben nach Wie
derherstellung des präglazialen Höhen- bez. Festländszustandes zu beobachten, und ist somit in zu
künftiger geologischer Zeit mit dem Verschwinden des Hudsonmeers zu rechnen?
Die kanadischen Geologen haben lebhaft zur Frage einer möglichen rezenten Hebung des Hud
sonmeers und seiner (früher marinen) Umgebung Stellung genommen. 67 ) Der Hauptbefürworter rezen
ter Hebung ist Robert Bell, 68 ) der Hauptgegner J. B. Tyrrell. 69 ) Bell schließen sich an: W. Upham, 70 )
Wright, 71 ) O’Sullivan, 72 ) J. W. Spencer, 73 ) auch Handelsfaktoren, z. B. Joseph Fortescue; Tyrrell folgt
A. P. Low. 74 )
Starke Beweiskraft für rezente Hebung des Hudsonmeers und seines Gebiets haben nach An
sicht der Befürworter, namentlich Beils:
1) scharf ausgeprägte, wohl erhaltene, fast frische und, obgleich im Bereich der Baumgrenze
liegend, in der Regel bäum- und gebüschlose Terrassen in verschiedener Höhe rund um die kleinen
Buchten und auf den zahlreichen kleinen Inseln vor der Ostküste der Jamesbai, aber auch weiter nörd
lich bis in die Hudsonstraße hinein und nordwestlich (Marble-Insell);
2) lange Reihen bis ungefähr 9 m über der Fluthöhe gut erhaltenen, von 9—15 m verfaulten,
darüber hinaus nur in Resten vorhandenen, nach Beils Urteil teilweise 600 Jahre alten (Einwirkung
von Salzwasser!) Treibholzes auf vielen der erwähnten Terrassen der Ostküste;
3) allerhand Erinnerungen an Eskimo-Niederlassungen: Fischfallen und Steinwehre, Baulichkeiten
für den Fischfang, die die Eskimos an der Regel an der Küste errichten, hoch oben, bis 21 m hoch,
(Digges-Insel!) ebenfalls auf den rezenten Terrassen der Ostküste.
4) zwei Breschen in der Richmondgolfbarre, offenbar die Böden früherer Verbindungskanäle
zwischen Golf und Hudsonmeer, in geringer Höhe über der Flut;
5) die fast senkrechten, bis 30 m hohen Fälle an der Mündung einiger Flüsse der Ostküste, z. B.
des Nastapoka- und des Langlandflusses;
° 7 ) Süß II, S. 600. — Supan 1916, S. 456. — Bell, Proofs of the Rising . . . Am. .Toum. of Science 1S96, Nr. 3,
S. 219.
68 ) a) Rep. on an Exploration of the East Coast of Hudson Bay 1877.
Geol. Surv. of Can. 1877/78. — Die 1. Beobachtungen Beils zur Frage rezenter Hebung gehen schon auf
1875 zurück.)
b) The Labrador Peninsula. The Scott Geogr. Mag. 1895.
c) Proofs of the Rising of the Land around Hudson Bay. Am, Journ. of Science, Vol. I, S. 219 ff.
6») a ) Kotes on the Pleistocene of the NW Territories of Canada, NW and W of Hudson Bay. The Geol.
Mag. 1894.
b) Is the land around Hudson Bay at present rising? Am. Journ. of Science Vol. II, 1896, S. 200 ff.
c) The Stabil!ty of Land around Hudson Bay. The Geol. Mag. 1900. Vol. VII, S. 266. (Im besonderen
hervorgerufen durch die Veröffentlichung von Jens Munks „Account of his expedition to Hudson
Bay 1619. llakl. Soc. 1897.)
70) Monographs U. St. Surv. XXV, S. 507 f. (Die noch andauernde Hebung ist Upham ein Zeichen dafür, daß
das Verschwinden des Eises über dem Hudsonmeere geologisch noch gar nicht weit zurückliegt.1
n ) The Ice Age in North America, S. 406 u. 505.
7S ) Survey of the S and W Coasts of James Bay. Geol. Surv. of Can. 1904.
») The high Continental elevation preceding the Pleistocene Period. Bull, of the Geol. Soc. of Am. 1890,
Bd. I.
74 ) Geol. Surv. of Can. 1902. S. 50. Desgl. Low 1904, S. 235. — Süß (II, S. 596 n. 600) verhält sich skeptisch.