Studienrat Dr. Margarete Gans: Das Hudsonmeer.
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Erst der völlige Rückzug des Eises und die postglazialen Hebungsvorgänge gaben dem Hudson
meere seine gegenwärtige Gestalt. Wesentlich ist dabei, daß dieses Ergebnis durch eine Differenzie
rung des Hebungsvorganges, und zwar eine Verlangsamung bzw. vorzeitige Abbrechung der normalen
geologischen Weiterentwicklung des Teiles Kanadas, wo heute das Hudsonmeer liegt, herbeigeführt
wurde. Denn die geologische Entwicklung führte im Westen und Südwesten über Gletscherseenbildung
hinweg zurück zum voreiszeitlichen Zustande eines ostwärts geneigten, stromdurchflossenen Festlandes,
gliederte im Osten — den von den präkambrischen Zeiten bis zum Diluvium bestehenden Höhenunter
schied wieder klar herausarbeitend — die Halbinsel Labrador ab, erreichte aber in der Mitte— gewiß
durch die Depression, das längere Säumen des Eises und den Druck .der marinen Wassermassen
bedingt — bis jetzt nur eine allerdings bedeutende Zusammenschrumpfung der Ghamplaintransgression
in Gestalt des heutigen marinen Hudsonmeers, aber noch nicht wieder den voreiszeitlichen Festlands
zustand mit dem gewaltigen Netze eines Stromunterlaufs. Dennoch wurde der vorglaziale enge Zu
sammenhang zwischen der Mitte und dem Westen bzw. Südwesten insofern gewahrt, als das Champlain-
Hudsonmeer das Sammelzentrum westlicher und südwestlicher Ströme wurde und blieb.
Diese allgemeinen Tatsachen werden durch die Ergebnisse verschiedener Einzelforschungen teil
weise näher beleuchtet:
Unter den Gletscherseen des Westens, deren Bildung der Entwicklung der Champlain-Ueber-
flutung teilweise parallel ging, und deren Beziehung zum werdenden Hudsonmeere wissenschaftlich fest
steht, ragt vor allem hervor der durch Uphams Monographie bekannte Agassiz-See, jene gewaltige
Süßwasserüberflutung, die höchstwahrscheinlich aus der Vereinigung der schmelzenden Fronten sämt
licher laurentischer Inlandeise entstand, und die die vor der Eiszeit schon breit ausgefurchten, durch
die Eismassen noch stärker erodierten Täler des Red River und des Nelson überdeckte; 51 ) dazu kamen
kleinere Gletscherseen im Tale des Sourisflusses und des südlichen und nördlichen Saskatchewan, 52 * ) die
ihre Wasser aber schließlich in den Agassiz-See ergossen; endlich der „Hyper Churchill Lake“, ein
Glazialsee, der nach Tyrrells Annahme 58 ) ein großes Gebiet südlich vom Churchillflusse erfüllte.
Die differenzierte postglaziale Hebung, die von Südwesten nach Nordosten fortschritt, erfaßte zu
nächst den Westen des vergletscherten Gebiets: In 2 Stadien (Wellen) stieg er empor: zuerst das Gebiet
vom Lake Traverse bis Gladstone (im Südwesten des Manitoba-Sees) in Manitoba und zum Südende
des Riding Mountain; darauf das nördlichere Land bis zur Nordgrenze des Agassiz-Seebeckens und zum
Churchillbecken. Darnach erst erfolgte die Heraushebung des Hudsonmeers aus der Ghamplain-Trans-
gression. 54 )
Eine notwendige Folge der Hebung des Süd Westens und Westens war die Umlenkung der Ab
flüsse dieser Gegenden, namentlich der Gletscherseen, nach Nordosten, nach dem Becken des ent
stehenden Hudsonmeers zu, der von jeher am tiefsten gelegenen Stelle. Sie waren vorher, der prä
glazialen Neigung zuwider, abgedrängt durch die im Osten länger säumenden Eismassen, südlich nach
dem Mississippi und südöstlich nach dem Großen Seen-St. Lorenzgebiet abgezogen. 55 * * ) Nun aber übte
die alte tiefere Lage des Nordostens ihre frühere anziehende Macht von neuem aus. Natürlich be
dingte das allmähliche Nacheinander im Schwinden der östlichen Eismassen auch ein allmähliches Nörd
licherverlegen der Stromläufe, und nicht gleich konnten die alten voreiszeitlichen Hauptstromrinnen ge
wonnen werden.
51 ) Der Agassiz-See nahm zur Zeit seiner größten Ausdehnung 500 000 square miles = 1295 000 qkm ein. (Up-
ham. The Glacial Lake Agassiz, S. 64.)
52 ) The American Geologist 1891 I, S. 188 u. S. 229. Monographs U. St. Geol. Surv. XXV, S. 272.
5i ) Geol. Surv. of Can. 1895.
51 ) Monographs . . . XXV, S. 237, 481, 482, 501. Upham erschloß die Differenzierung des Hebungsvorganges aus
der Campbell- und der Nivervi!le-StrandIinie des Agassiz-Sees und den Fossilienschichten, die den Geschiebelehm
um das Hudsonmeer überlagern. Vgl. auch Bull. Geol. Soc. Am. 1894 und Wright. The Ice Age in North
America, S. 406.
“) Vgi. Monographs . . . XXV, S. 233 die verschiedenen Stadien dieser Entwässerungsriehtungen. — Die alte
Verbindung nach dem Mississippitale zn ist gut auf James Whites Reliefkarte von Nordamerika zu erkennen.