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Full text: 43, 1925

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Die wirtschaftlichen Schäden der tropischen Wirbektiirine. 
Der wissenschaftlichen Tätigkeit würde neben der meteorologischen Forschung und dem Warnungs 
dienst noch eine praktische botanische Aufgabe zufallen: Feststellung besonders widerstandsfähiger Arten 
der einschlägigen Kulturgewächse, Erprobung in landwirtschaftlichen Versuchsanstalten ustv., kurz, eine 
Tätigkeit, wie sie in Niederländisch-Ostindien seit längerer Zeit mit großem Erfolg betrieben wird und 
auch anderweitig, z. B. in den deutschen Kolonien Nachahmung gefunden hatte. Der Zuverlässigkeit der 
Sturmwarnungen würde eine Erforschung der höheren Luftschichten, wie sie jetzt in die Wege geleitet 
wird, in hohem Maße zugute kommen, besonders wenn sie zu dem Ergebnis gelangen sollte, daß auch 
die tropischen Wirbelstürme wie unsere Zyklonen aus Gleitwellen entstehen, also letzten Endes durch 
Wärmeunterschiede verursacht, Beobachtungen des Luftdrucks aber erst in zweiter Linie von Bedeutung sind. 
Geopsychisches und Geopolitisches. 
Es leuchtet ein, daß ein so gewaltiges Naturereignis wie ein Orkan auch im Seelenleben des 
Menschen gewisse Empfindungen auslöst. So erzählt uns z. B. Erancisci einen Fall, wie ein Matrose in 
folge eines Taifuns einen Tobsuchtsanfall bekam * 1 ). Bei den Völkern, die den Naturgewalten gefangen 
gegenüber stehen, spielen die Orkane besonders auf religiösem Gebiet eine große Rolle. Bei den Indianern 
des mexikanischen Golfes sind sie eng in eine Reihe von Schöpfungs- und Weltuntergangsmythen ver 
woben*). In Südchina, in Hainan und der Halbinsel Lei-Tschu gibt es Tempel, die dem Taifun ge 
weiht sind, und zwar heißt die Gottheit Kew-Woo d. i. Taifunmutter®). Die einzelne Katastrophe ruft bei 
den Betroffenen oft lang andauernde Zustände seelischer Depressionen hervor. Von den Südseeinsulanern, 
den Bewohnern der Bahamainseln und von Madagaskar wird wiederholt berichtet, daß cs die größte 
Mühe gekostet habe, nach einem Orkan die Arbeitslust der Eingeborenen wieder zu beleben. Häufig 
werden die Katastrophen mit religiösen Vorstellungen in Zusammenhang gebracht. So wird z. B. nach 
dem Orkan von 1912 aus Japan berichtet*): „Das Volk eilt jetzt in den Tempel, um zu beten; es sagt, 
der Geist des Kaisers sei mit Japan unzufrieden, weil seine Trauer nicht tief genug gewesen sei. Seine 
Seele werde auch noch durch die rauchenden Berge zum Volke sprechen und es tadeln.*' In China brach 
man einmal die Boykottierung des amerikanischen Handels ab, weil man aus einem starken Taifun die 
Abneigung der Götter gegen diese Bewegung schloß. Bei ihrem ersten Aufenthalt in Westindien glaubten 
sich die Spanier durch die Anwesenheit des Allerheiligsten vor dem verderblichen Orkan besonders 
gesichert 5 ). Beispiele ähnlicher Art ließen sich noch häufen. 
Daß die Wirbelstürme auch von politischer Bedeutung sein können, ist ja an sich nicht so sehr 
überraschend. Welche geschichtliche Bedeutung hatte doch der durch einen Sturm hervorgerufene Unter 
gang der Armada! Ähnliche Fälle kleineren Ausmaßes finden wir während der französischen und englischen 
Kämpfe in Vorderindien, z. B. am 3. Oktober 1746, am 13. April 1749®). Die Engländer wurden durch 
die in ihrem Lager angerichteten Verwüstungen zu einem zeitvveisen Rückzug genötigt. Von West 
indien kennen wir auch aus jüngerer Zeit einige Beispiele geopolitischer Wirkungen der Orkane. So 
beeinträchtigte ein Hurricane im Jahre 1866 die Salzgewinnung (Haupterwerbsquelle) auf den Turcs- und 
Caikos-Inseln in solchem Maße, daß sich schließlich unter mannigfachen Widerständen bis 1873 die Um 
wandlung in eine Crown-Colony vollzog 7 ). Bekannt ist auch, daß nach einem schweren Orkan im Jahre 
1867 die zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten angebahnten Verhandlungen wegen eines Verkaufs 
des dänischen Besitzes sich wieder zerschlugen 8 ). Ähnlich wird der geringe Wert des Guadelupe-Archipels 
innerhalb des französischen Kolonialreiches auf die häufige Heimsuchung durch Wirbelstürme zurückgeführt, 
was beinahe eine Abtretung der Insel an die Vereinigten Staaten zur Folge gehabt hätte“). Auch mit 
dem Übergang von Porto Rico an die Union stehen die Orkane teilweise im ursächlichen Zusammenhang. 
Nach einem verheerenden Sturm war nämlich das billig gewordene Land 1898 in Massen von ameri 
kanischem Kapital aufgekauft worden 10 ). 
Weitere Beispiele dieser Art ließen sich unschwer noch in größerer Zahl auffinden und würden 
vielleicht eine gesonderte Betrachtung lohnen. Die Gefahr einer Überschätzung dieser Seite liegt aber nahe. 
l ) F'raneisci ,38) S. 1093. *) llerrera 57 IJ S. 161. *) 7 III S. 964. 4 tägliche Rundschau II. W. A. *) Herrera (57 
I S. 235. ®) (7) S. 124. ’) Aspinall 5) S. 29(5/97. *) Fischer 37'j S. 40. ®) Kurier (66) S. 7. w Mündliche Mitteilung von 
Prof. Kühl.
	        
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