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Die wirtschaftlichen Schäden der tropischen Wirbel stürme.
große Gefahr, mit der die Fahrten in den Orkangebieten in den früheren Jahrhunderten verbunden war,
sind oben gegeben. Wie gegenwärtig die Verhältnisse liegen, geht aus den beiden Tabellen hervor.
Sie zeigen zunächst, daß die Schiffsverluste überhaupt durch Stürme auf hoher See ziemlich selten sind.
Wenn die Ziffer für Segelschiffe noch verhältnismäßig größer ist, so leuchtet dieses ohne weiteres ein.
Wo die Schiffsverluste eingetreten sind, ist aus den Statistiken in der Regel nicht ersichtlich; aber die
Annahme, daß nur ein ganz kleiner Teil in den Gebieten der tropischen Orkane zugrunde gegangen ist,
dürfte wohl berechtigt sein, zumal ja nur ein geringer Prozentsatz des gesamten Schiffsverkehrs sich in den
Orkangebieten abspielt. Über die Schäden, die ein Schiff während eines Orkans genommen hat, ohne
daran zugrunde zu gehen, ein Bild auch nur annähernd zu gewinnen, ist dem Verfasser nicht möglich
gewesen, obwohl ihm seitens mehrerer Reedereien einige Auskünfte frcundlichst erteilt wurden. In der
Schiffahrt ist jede Art von Schaden durch genau geregelte Versicherungen in einer Weise gedeckt, daß
derselbe für die Reederei in der Regel keine besondere Rolle spielt. Seitens der Versicherungen (der deutschen
und englischen) wurden dem Verfasser keinerlei Auskünfte erteilt. Daß aber diese Schäden doch nicht
so ganz unbeträchtlich sein können, ergibt sich aus verschiedenen Berichten von Augenzeugen, die dem
Verfasser mündlich und aus Tageszeitungen zukamen. Soweit Hapag-Dampfer dafür in Betracht kamen,
war die Einsichtnahme in die betr. Akten der Gesellschaft bereitwilligst gestattet worden. Doch gab
diese Vergleichung keine festen Anhaltspunkte und war meist ergebnislos.
Auf Grund der erwähnten Berichte läßt sich über die Art der Schäden etwa folgendes Bild ge
winnen: Hoher Wellengang, Wind und Regen drohen auch auf hoher See, plötzliche Wellen schwemmen
auf Deck alles weg, dringen in Innenräume und setzen sie unterWasser; das Schiff stampft und schlingert
heftig, so daß sich oft Einrichtungsgegenstände aus ihrer Verschraubung lösen und allerhand Unheil an-
richten und selbst die best verstaute Ladung ins Schwanken gerät; besonders unheilvoll ist es, wenn bei
dem Durchgang einer Woge das Hinterteil des Schiffes zeitweise hoch emporgehoben wird und dadurch
die Schiffsschraube plötzlich raschere Umdrehungen in freier Luft macht, was eine starke Erschütterung
des ganzen Schiffes und schwere Schädigungen der Maschinenanlagen zur P'olge hat. Noch mehr als
das Wasser wütet der Wind auf Deck. Die Masten, die Aufbauten, die Rettungsboote, die er nicht
selten in Stücke weht, sind nicht sicher vor ihm, oft ist die Macht der rasenden Elemente so groß, daß
selbst starke Dampfer sich ihnen gegenüber nicht mehr behaupten können. Wie viel schwieriger ist erst die
Lage für Segelschiffe! Von diesen ist das Zentrum des Sturmes ganz besonders gefürchtet, wo die Wasser
massen einem „ungeheuren in Wallung begriffenen Kochtopf gleichen“ 1 ). Erheblich vergrößert wird die
Gefahr, wenn ein Schiff, ganz gleich ob Segler oder Dampfer, in Küstennähe in einen Orkan gerät;
die Möglichkeit der Strandung liegt dann außerordentlich nahe. Die besonders gefährlichen Gebiete
wurden in dem regionalen Kapitel schon erwähnt. Es handelt sich dabei um Gegenden, in denen ent
weder ohnedies gefährliche Gewässer liegen oder ein Ausweichen — der beste Schutz auch des
stärksten Dampfers vor einem Orkan — aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist. Kein Hafen
vermag unbedingt sicheren Schutz vor den Orkanen zu geben; denn streicht der Wirbelsturm unmittelbar
über den Hafen hinweg, so kann er doch u. U. den Schiffen, die von den Ketten gerissen werden und
in Kollission geraten, mehr schaden, als wenn er sie auf hoher See betroffen hätte (z. B. Hongkong 1906)*).
Mit den Schiffsbeschädigungen und Verlusten sind aber die Schäden, die die Schiffahrt durch Wirbel
stürme erleiden kann, noch nicht erschöpft. Viel unangenehmer wird vielmehr die Beeinträchtigung des
Geschäftes empfunden, die mehrere von Orkanen hervorgerufene Anlässe haben kann. Für Dampfer
spielen z. B. Zeitverluste, die bei Orkanen unvermeidlich sind, auch in finanzieller Hinsicht eine große
Rolle; heutzutage wird sich ein Dampfschiff durch eine Sturmwarnung nur höchst selten von der Aus
fahrt zurückhalten lassen oder auf hoher See eine zeitraubende Kursänderung vornehmen; der Sach
schaden scheint also leichter zu verschmerzen zu sein. Unangenehmer ist die Abnahme des Verkehrs,
die entweder in der erschütterten Wirtschaft des Hafenhinterlandes (vgl. z. B. oben Texas, Jamaika) oder
der Vernichtung von Hafenanlagen, Umschlagseinrichtungen, Lagerhäusern, Leuchttürmen, Unzugänglich
machung der Einfahrt durch gesunkene Schiffe begründet ist. Auch der Passagierverkehr kann durch
*) Schuck ,107) S. 53. ; W’i г1к’1 stur in sichere Häfen sind in rlen Ann. llydr.. besonders Jahrgang 1800 bis 1900, besprochen.
Vgl. auch Algui (4) S. 250 ff.