Waller Georgii und Heinrich Seilkopf: Ergebnisse einer flugwissenschaftlichen Forschungsreise nach Columbia (S. A.) 21
Auf Grund dieser Druckvverte wurde die Isobarenkarte des 10-km-Niveaus für Westindien entworfen
und das Strömungsfeld der Luft für das gleiche Niveau eingezeichnet, wie es sich aus den Mittelwerten
von Barranquilla, Kingston, San Juan und Key-West nach der Tabelle auf Seite 17 ergibt (siehe Tafel 6).
Ergänzt wurden diese Windbeobachtungen durch die sich aus den Einzelaufstiegen an verschiedenen
Punkten des Caribischen Meeres ergebenden Windverhältnisse und die Resultate der Cirrenbeobachtung,
wie sie von Bigelow für dieses Gebiet zu Mittelwerten zusammengefaßt wurden. Auf diese Weise
dürfte ein ziemlich genaues Stromfeld erreicht worden sein.
Die Höhendruckkarte und die Stromliniendarstellung stimmen gut miteinander überein. Es ergibt
sich, daß über Westindien in der Höhe eine Tiefdruckrinne über dem Meere liegt, die von kontinentalen
Hochdruckgebieten begrenzt wird. Auch Bigelow hatte bereits aus den Cirrenbeobachtungen auf das
Vorhandensein einer derartigen Tiefdruckrinne geschlossen. Die vorliegende Berechnung des Druckfeldes
hat seine Vermutung bestätigt. Die Nordwestströmung, die dem Antipassat eingelagert ist, findet nunmehr
durch diese Druckverteilung ihre Erklärung. Wir erkennen in ihr eine Störung der Antipassatströmung
über dem Caribischen Meer, die durch den thermischen Gegensatz der erwärmten Kontinente von Nord-
und Südamerika gegenüber dem relativ kühlen Caribischen Meer verursacht wird.
Die Tiefdruckrinne, welche die Strömungsverhältnisse im 10-km-Niveau offenbaren, muß nach den
Windmitteln der Tabelle auf Seite 17 bereits im 6000-m-Niveau vorhanden sein. Kingston mit Nordwestwind und
Barranquilla mit Ostsüdostwind in 6000 m Höhe offenbaren bereits eine Konvergenz der Luftströmung in
diesem Niveau über dem mittleren Caribischen Meer. Entwirft man nach den vorhandenen Windmessungen
und der von Bigelow berechneten mittleren Zugrichtung der Alto-Stratus- und Alto-Cumulus-Wolken, die
annähernd diesem Niveau angehören, die Stromlinien (siehe Tafel 6), so erhält man außer der ver
muteten Konvergenzlinie über dem Caribischen Meer noch einen Konvergenzpunkt bei Jamaika. Über
der einheitlichen Ostströmung der unteren Schichten bis 6000 m Höhe liegt demnach im Caribischen
Meer eine mächtige Schicht konvergenter Luftbewegung, die einen zyklonalen Wirbel von großer vertikaler
Erstreckung bildet. Dieser Wirbel der höheren Schichten dürfte nicht bedeutungslos für die Entstehung
der westindischen Zyklonen oder Hurricanes sein. Es ist durchaus denkbar, daß bei örtlicher Instabilität
der unteren Ostwindschicht, die durch lokale Überhitzung oder über einem Gebiet höherer Temperatur
des Meerwassers leicht eintreten kann, die zyklonale Bewegung der Höhe nach unten fortschreitet und
bis zum Boden durchdringt. Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß nach den Arbeiten
von A. Wegener 1 ), Letzmann 8 ), Kuhlbrodt * 3 ) und Seilkopf 4 ) auch für die Trombenbildung starke
Windänderung in der vertikalen und namentlich eine Konvergenz entgegengesetzter Luftströmungen in der
Höhe anscheinend Voraussetzung sind, und der Trombenwirbel dadurch entsteht, daß die aufquellende
Lüftmasse eines Cumulo-Nimbus in diese konvergente Schicht hineinstößt. Dies besagt aber nichts anderes,
als daß bei der Trombenbildung ebenfalls durch eine örtliche Instabilität stärker bewegte, zyklonale Luft
massen der Höhe zum Durchgreifen nach unten angeregt werden. Wenn sich auch tropische Zyklonen
von Tromben sicherlich nicht nur durch die Größe unterscheiden, so dürfte es doch nützlich sein, auf die
hier angedeutete Analogie hinzuweisen. Unter der Voraussetzung, daß das Strömungssystem der Luft
über dem Caribischen Meer die Bildung der westindischen Zyklonen in der angegebenen Weise begünstigt,
würde folgen, daß die tropischen Wirbelstürme nicht nur auf die untersten Schichten beschränkt sind,
wie man im allgemeinen annimmt, sondern große vertikale Erstreckung haben, eine Ansicht, zu der sich
auch Koppen 4 ) neuerdings bekannt hat.
Die Grenzfläche des Antipassates steigt über dem Caribischen Meer äquatorwärts an. In Kingston
beginnt über dem passatischen Ostwind der abgelenkte Antipassat bereits zwischen 5 und 6 km Höhe.
In San Juan ist die entsprechende Höhe 6—7 km, in Barranquilla dagegen 11 km. Von 18° bis
11° N. Br. hebt sich demnach die Grenzfläche des Antipassates um 5,5 km. Man muß annehmen, daß
') A. Wegener: Wind-und Wasserhosen in Europa. a ) Letzmann: Tromben im ostbaltischen Gebiet. Sitzungsbericht der
Naturforscher-Gesellschaft bei der Universität Dorpat. 24, 38 (1918/19). *) E. Kuhlbrodt: Meteorologische Zeitschrift 1922. S. 37.
4 ) H. Seilkopf: Meteorologische Zeitschrift 1923. S. 97. 5 ) W. Köppen: Temperatur im tropischen Orkanwirbel. Met. Zeit
schrift 1920. S. 328.