Ans dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 1923. Nr. 2.
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Der ständige Küstenstrom 1 ). Eine eigenartige Erscheinung der Gewässer zwischen Sylt und dem
Eestlande bildet der dort bekannte beständig nordwärts gerichtete Küstenstrom, der schon Bruuns Auf
merksamkeit fesselte, und der scheinbar der Periodizität der Gezeitenerscheinungen widerspricht. Bruun
stellte ihn nicht nur zwischen Sylt und dem Eestlande fest, sondern auch zwischen Föhr und Amrum,
und zwischen Föhr und dem Festlande. Nach einer Bemerkung von. Krey 2 ) kann man sogar gelegentlich
östlich Morsum, wo die nördliche und südliche Flutströmung sich treffen, ein Schaumband beobachten,
das nach Korden zurückweicht und schließlich verschwindet. Das Wasserbauamt Husum hat den Über
schuß an Wasser, der in einer gewöhnlichen Tide von der Wasserscheide ab nach Norden abfließt, auf
28 Mill. cbm berechnet 3 ). Bruun versuchte den Vorgang dadurch zu erklären, daß der Tidenhub vor den
südlichen Seegatten höher sei als vor dem Lister Tief. Das ist aber nicht der Fall, wenn auch die ein
laufende Strömung bei Hörnum der auslaufenden stärker überlegen ist als bei List. (Vgl. die Ausfüllungen
Schumachers oben S. 14) Ohne also die Bruunsche Erklärung mit Rücksicht auf das Föhrer Ley geradezu
abzulehnen, muß sie doch als zweifelhaft bezeichnet werden. Es liegt nahe, an die Wirkung der vorherr
schenden Westwinde zu denken, die das Wasser in dem Winkel der Deutschen Bucht stauen und ihm nur
den Ausweg nach Norden gestatten 4 ). Vielleicht aber käme noch eine andere Ursache hinzu, die mit dem
periodischen Charakter der Gezeiten verträglich ist: Die besondere Höhenlage des Watts zwischen Morsum
und dem Festlande und der zeitliche Verlauf der Gezeitenströme. Wenn der Ebbstrom sich im Süden
später und zunächst schwächer entwickeln würde als im Norden, so könnte er, wenn das Watt abgelaufen
ist, nicht alles Wasser nach Süden wieder zurückschaffen, was der Flutstrom gebracht hat, weil dann
die Verbindung nach dem Norden unterbrochen ist; zur endgültigen Beantwortung dieser Frage reichen
die Unterlagen jedoch nicht aus.
Hohe und niedrige Tiden. Trotz des Nordstromes dürfte Krey beizupflichten sein, daß eine
Absperrung durch einen Dammbau in der Höhe etwa von Morsum die Art der gewöhnlichen Tiden nur
wenig ändern würde, da sich den Wassermassen hinlängliche Möglichkeit bietet, nach Süden zurück
zuströmen; daß aber damit die Frage der Sturmfluten noch nicht entschieden ist, Auch die August
beobachtungen gestatten darüber kein Urteil, da zur Zeit der hohen Fluten zu spärliche Beobachtungen
vorliegen. Greift man, um den Unterschied festzustellen, die hohe Tide vom 6. August Nm. und die
niedrige Tide vom 11. August Vm. heraus und entwirft für sie Karten der Flutstundenlinien und
Hochwasserhöhen (nicht Hubhöhen, da der Hub durch den Wind usw. nur wenig beeinflußt wird), so
unterscheiden sich diese von denen der Tafel 2, Nr. 2 und 3 fast nur durch die gedrängtere oder weit
läufigere Scharung der Linien, während deren Charakter im allgemeinen bestehen bleibt. Das hohe
Hochwasser lag in Wittdün auf + 320 cm P. N. gegen + 263 cm im Mittel und erhob sich in Osterley Süd
auf + 162 cm N. N. gegen +95 cm im Mittel, schwoll also um 10 cm landwärts an. Das niedrige Hoch
wasser erreichte in Wittdün +225 cm am Pegel, in Osterley Süd +31 cm NN, so daß es sich hier gegen
den Mittelwert um 26 cm mehr erniedrigte als in Wittdün. Dagegen erreichte die niedrigere Tide Hörnum
früher, die hohe später als im Mittel, während letztere im Wattenmeer schneller fortschritt; in Osterley
Süd verspätete sich das Hochwasser beide Male:
Hochwasserzeitunterschiede gegen Wittdün-:
Hörnum Westerley Süd Osterley Süd
Hohe Tide 6. August +50 min. + 83 min. +121 min.
Niedrige Tide 11. August . +11 min. +115 min. +137 min.
Mittlerer Wert (z.Vergleich) +40 min. + 93 min. +115 min.
Eine Erklärung dieses seltsamen Verhaltens, bei dem wohl der Unterschied zwischen freier See, Seegat und
hohem Watt eine Rolle spielt, kann hier mangels Beobachtungen an der Außenküste nicht versucht werden.
1 ) Vergl. A. Schumacher, Die Strombeobachtungen in den Sylter Gewässern, ds. Heft, S. 14, Abschn. 3e.
-) H. Krey, Der Verlauf der Tide- und Sturmi lutwellen usw., Zentralblatt d. Bauverw. XLI, 1921, S. 94.
3 ) Eich, Die Höhe der Sturmfluten usw. Ebenda XL, 1920, S. 378.
*) Vergl. auch hierzu die bei Bölmecke, Salzgehalt und Strömungen der Nordsee, V. d. Inst. Meeresk. Berlin 1922
gegebene Darstellung der gegen den Uhi-zeiger laufenden Küstenströmung in der Deutschen Bucht.