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Aus dem Archiv der Deutschen Seew.urte. — 1923. Nr. 2.
stichhaltig erwiesen; während gegen die Beobachtungen im freien Meere solche Zweifel nicht in gleichem
Maße gelten werden.
Vergleich mit älteren Beobachtungen: a) Whewell. Eine weitere Beleuchtung erfahren die
„Augustwerte“ wie sie im folgenden kurz heißen mögen, wenn man sie mit einigen älteren vergleicht.
(Vgl. hierzu unten Tabelle 4 S. 32). Hier sei zunächst Whe well’s gedacht, dessen Energie es gelungen war,
im Juni 1835 eine fast einmonatige gleichzeitige Beobachtung der Gezeiten in den europäischen Seestaaten
und denVereinigten Staaten von Amerika zustande zu bringen 1 ). Die Windverhältnisse während des Monats
scheinen günstig gewesen zu sein, wie man aus Phil. Tram. 125, London 1835, Anhang entnehmen kann, die
für London meist leichte Winde verzeichnen. Trotzdem weichen die aus seinen Zahlen sich ergebenden
Zeitunterschiede sowohl von den oben berechneten wie auch von denen der deutschen Gezeitentafeln erheb
lich ab. Vermutlich liegt dies weniger an den Beobachtungen selbst, als daran, daß Whewell sie auf den
vorhergehenden Mond-Meridiandurchgang bezogen hat, ohne die »Springverspätung in Rücksicht zu
ziehen; er glich die Werte dann durch eine Kurve aus, entnahm ihr das größte und kleinste Mondflut
intervall, bildete daraus das arithmetische Mittel und fügte 7 Min. hinzu, weil für London und Liverpool
das Mittel aller Einzelwerte sich um diesen Betrag von dem Mittel der Extreme unterschied. Es ist zweifel
haft, ob dies Verfahren auch für andere Orte zulässig ist. Eür den Tidenhub gibt er den größten und klein
sten beobachteten Betrag an; das Mittel aus beiden ist in die Tabelle 4 S. 32 eingetragen, aber auch hier
ist es fraglich, ob so der mittlere Tidenhub erhalten werden kann. Die Abweichungen von den August
werten dürften also kaum genügen, um ihre Gültigkeit zu erschüttern.
b) Bruun. Im Sommer 1863 nahm Bruun zahlreiche Flutkurven im Sylter Gebiet auf und ver
öffentlichte sie 1S77 2 ). Leider gibt er bei den Hochwasserzeiten keinen festen Pegel zum Vergleich, sondern
nur die vorausberechnete Zeit des Hochwassers „in See“, d. i. „vor der Elbmündung“ an, so daß sie hier
nicht verwertbar sind, zumal an jedem Punkte höchstens zwei Hochwasser beobachtet wurden. Der
jeweilige Tidenhub ist hier, um mit den Augustwerten vergleichbar zu sein, auf mittleren Hub umgerech
net unter Annahme eines Verhältnisses von Nipp- zu Springtidenhub von 76:100, wie cs in diesem Teile
der Deutschen Bucht nach den Gezeitentafeln etwa zutreffen dürfte 3 ). Bei einem mittleren Hub von 100 cm,
ist dann der Tidenhub für das
Mondalter... 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13
Hub 106 110 112 114 112 110 106 102 97 91 86 91 97 102
Die so erhaltenen Werte stimmen, -wenn man bedenkt, daß ein einzelner Tidenhub nicht nur das Ergeb
nis der M 2 - und S 2 -Welle, sondern mancher anderer ist, mit den Augustwerten sowie mit denjenigen der
Gezeitentafeln zum großen Teile leidlich überein. Für Wittdün, Osterley Süd und Wyk wird an den
letzteren, weil aus einer größeren Anzahl Tiden abgeleitet, festzuhalten sein. Unregelmäßig erscheinen
140 cm in Westerland gegen 195 cm beim Roten Kliff; faßt man beide zu einem Mittel zusammen, so
ergibt sich für die mittlere Westküste von Sylt ein mittlerer Ilub von 168 cm, was der Wahrheit nahe
kommen wird.
1 ) W. Whewell, Researches on the Tides, VI series. Phil. Trans. 126, London 1836, S. 289—342, Hier bes. 314
u. 328.
2 ) C. G. Bruun, Flut- und Strornbeobachtungen an der Westküste Schleswigs. Ztschr. Arch. Ing. Ver. Hannover,
23, Hannover 1877, S. 427—450, Tf. 713—715.
3 ) Setzt man den halben Tidenhub der M 2 -Tide mit m, den der S 2 -Tide mit s, die Winkelgeschwindigkeiten beider
Gestirne mit ji und a, die Zeit mit t an und bezeichnet mit 8 und e die Phasen, so ist zur Zeit t die Höhe des Wasser
spiegels über dem mittleren Spiegel : h —- m cos (2j.it — 8) -j- s cos (2ot — s). Hoch- und Niedrigwasser tritt ein für dh/dt
= 0, also 0 — m sin (2 t — 8) -f — s sin (2ct — s). Da a/jr = 1,03 ist, so kann es bei dieser rohen Abschätzung =1 an-
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genommen werden, und man hat h = m cos (2ut — 8) + s cos (2ct — e)
0 = m sin (2gt — 8) + s sin (2ot — e). Durch Quadrieren und Addieren folgt h 2 =
m a s 2 — 2 ms cos (2jrt — 2ot — (8 — s)), woh die halbe Hubhöhe bedeutet. 8—£ ist die Springverspätung, die hier zu
3 Tagen (s. o.) angenommen wurde. Es ist also h = ihn 2 -j- s 2 2 ms cos (2j.it — 2at — (8 — e)).