Ä. S c hu m a c li e r: Über beträchtl. Tcmperaturänderungen von Tag zu Tag im Gebiet der deutschen Nordseeküste. 29
auf Bahnen, die von ENE her nördlich am Zentrum des Tiefs vorüberführen und dann auf der Rück
seite von SW bis W dem Kern tiefsten Drucks wieder zustreben. Ferner kommt Shaw zu dem Er
gebnis, daß die Temperatur des Landes wenig Einfluß auf die darüber hinstreichenden Winde zu
haben scheint, daß dagegen die Temperatur des Meeres in ganz auffälliger Weise die Temperatur
der untersten Luftschicht beeinflußt. „Sobald eine Luftmenge vom amerikanischen Kontinent auf den
Ozean kommt, nähert sich ihre Temperatur rapid der des Seewassers. Aus der spezifischen und Kon
densationswärme des Wassers ist diese Beziehung auch recht wahrscheinlich zu machen.“ 43 ) Dies Er
gebnis dürfte, wenn auch in schwächerem Maße, gleichfalls von den Luftmassen gelten, die von Skan
dinavien auf dem eben gekennzeichneten Wege auf der Nordseite des Depressionszentrums vorbei
passieren, um dann als Rückseitenwinde von SW und W her aufzutreten. Bei dem westlich gelegenen
Borkum haben diese Luftmassen nun einen viel weiteren Weg über die Wasserfläche der Nordsee zu
rückzulegen als bei Wilhelmshaven oder Hamburg. Außerdem ist die Zunahme der Oberflächentempe
ratur von der inneren deutschen Bucht bis zu den weiter nordwestlich und westlich gelegenen Meeres
teilen, die für Borkum in diesem Zusammenhang in Frage kommen, schon im Mittel recht erheblich,
namentlich in den letzten Wintermonaten. (Im Februar mindestens 2° nach dem Segelhandbuch für die
Nordsee 44 ). Die Rückseitenwinde haben also in Borkum weit ausgiebiger Gelegenheit, sich zu er
wärmen, als in Wilhelmshaven oder Hamburg.
Über das Verhalten des SW- und NW-Quadranten in Wilhelmshaven und Hamburg ist noch
folgendes zu sagen: Der Prozentsatz der beträchtlichen Temperaturabnahmen, der auf den SW — als
Ausgangs- wie als Endquadrant — entfällt, ist in Wilhelmshaven größer als in Hamburg (meist ziemlich
bedeutend, z. B. in Tabelle VIII 2 p hat der SW- als Endquadrant in Wilhelmshaven 22.4%, in Ham
burg nur 6.2 % aller beträchtlichen Abnahmen); andererseits hat Hamburg prozentual bedeutend mehr
Abnahmen mit NW (als End wind) als Wilhelmshaven. Dies läßt sich an allen drei Terminen und so
wohl bei Betrachtung des ganzen Materials, wie bei Beschränkung auf die größeren Windstärken fest
stellen; ein ähnliches Verhältnis finden wir bei der allgemeinen Windverteilung während eines
großen Teils des Jahres (vergl. Anmerk. 40). Hier zeigt sich deutlich der Einfluß der geschützten Lage
Wilhelmshavens an der Westküste der nordsüdlich gestreckten Jade: Der Winkel, um den der Wind
beim Vorüberziehen eines Tiefs ausschießt, ist hier durchweg kleiner als in dem frei gelegenen
Borkum und in Hamburg, das auf dem hohen rechten Elbufer nach SE und SW einigermaßen unge
schützt ist. In ihrer Wirkung wird die Küstengestaltung bei Wilhelmshaven offenbar unterstützt durch
den von Oldenburg bis Varel südnordwärts verlaufenden Rand der oldenburgisch-ostfriesischen Geest.
Ein besonders gutes Beispiel bietet der 22./23. Januar 1894, 8 p: Änderung des Windes in Borkum:
SW 6 — NW 5 (Temp.-Abn. —2.2''), in Wilhelmshaven: S 5 — WSW 4 (Temp.-Abn. —5.0°), in Ham
burg: SSW 5 — W 3 (Temp.-Abn. —5.0°). (Vergl. auch die Wetterkarte auf S. 10 in Koppen,
„Wind und Wetter in den europäischen Gewässern“. 45 )
In ähnlicher Weise wie bei Wilhelmshaven die Häufung der SW-Winde durch die Küstengestal
tung, dürfte bei Hamburg die Häufung der NW-Winde (namentlich im Winter) mit dadurch zu er
klären sein, daß der hohe Rand der holsteinischen Geest, der das rechte Elbufer ober- und unterhalb
Hamburgs in der Richtung ESE — WNW begleitet, das Ausschießen des Rückseitenwindes nach Norden
und weiter dämpft. Vor allem wird das für solche Fälle gelten, in denen ein Tief von Jütland nach
Polen wandert, so daß unser Gebiet in besonders ausgeprägter Welse auf die Rückseite desselben gerät.
Beispiele:
Interdiurne Windändernng 21./22. Januar 1893, 8 a (laut Wetterkarte):
Borkum Wilhelmshaven Keitum Hamburg Kiel Wustrow
NW 6—N 3 NW 3—N 3 N 4—N 1 W 3—NNW 3 WNW 2—N 3 W 4—NNE 4
43 ) Vergl. Einer, a. a. 0. S. 522.
44 ) Segel-Handbiicli für die Nordsee. Teil I, Heft 1, 2. Aufl. Berlin 1908, Karte S. 66.
43 ) Berlin 1917.