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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. ■— 1920. Nr. 2.
vorwiegend durch die Herrschaft eines Hochdruckgebiets bedingt sind. Eine Durchmusterung der be
treffenden Wetterkarten, die allerdings nicht ganz lückenlos zur Verfügung standen, bestätigt diese
Vermutung.
Abnahmen. Die Winde südöstlicher Richtung, die beträchtliche interdiurne Abnahmen der
Temperatur begleiten, erweisen sich natürlich überwiegend als von Hochdruckgebieten über Skandi
navien oder Rußland herrührend, also von Vorstößen des winterlichen osteuropäisch - asiatischen
Maximums. Vor allem gilt dies für diejenigen Fälle, in denen der Wind dauernd aus SE weht oder
aus NE in den SE-Quadranten dreht. Bei diesen Abnahmen ist von einer gleichzeitigen interdiurnen
Änderung der Wetterlage, von einem Wetterumschlag, nicht zu sprechen. Es handelt sich höchstens
um Ausprägung der bestehenden Wetterlage und damit der kontinentalen Luftströmung. Eine große
Rolle, vielfach sicher eine bedeutendere als das Windverhalten, spielen hierbei das allgemeine Auf
klaren und die Ausbildung einer frischen Schneedecke, welche die Abgabe der Bodenwärme an die
unteren Luftschichten verhindert. Als typische Beispiele sind die auf Seite 18/19 beschriebenen drei
Fälle anzuführen. Auch die beträchtlichen Abnahmen mit ständigem NE-Wind sind größtenteils Be
gleiterscheinungen dieser Wetterlage (anhaltendes Hochdruckgebiet über Skandinavien). Zum
kleineren Teil werden diese Fälle durch den Vorüberzug eines Tiefdruckgebiets bewirkt; unser Gebiet
befindet sich alsdann ausgesprochen auf der Rückseite namentlich solcher Tiefs, die von den dänischen
Gewässern südostwärts ziehen. Diese letztere Luftdruckgestaltung ist gleichfalls die vorherrschende bei
denjenigen Abnahmen, bei denen der gleichzeitige Wind aus SW oder NW nach NE oder gar bis in
den SE-Quadranten ausschießt; ein Schulbeispiel hierfür ist der 31. Dezember 1904 (Seite 12). Gleich
falls in diese Kategorie, und zwar in ein etwas früheres Stadium des „Rückseitenwetters“, gehören die
weitaus meisten Abnahmen mit NW-Wind am Endtermin, die in Borkum ja nur abends und spärlich
auftreten. Nur ganz vereinzelt, bei Abnahmen in Wilhelmshaven und Hamburg bei anhaltendem
schwachen NW -Wind, zeigt sich die Wetterlage in ausgesprochener Weise andauernd von einem im
Westen lagernden Hochdruckgebiet beherrscht. — SUdwestwinde. Die Fälle, in denen in Borkum
SW-Winde beträchtliche Temperaturstürze begleiten, sind recht selten; fast immer steht dabei unser
Gebiet unter dem Einfluß eines mitteleuropäischen Hochdruckgebiets (winterlicher Strahlungstyp van
Bebbers); die — meist leichten oder schwachen — Winde sind also kontinentalen Ursprungs. Bei der
verhältnismäßig großen Zahl von Abnahmen mit SW-Wind, die demgegenüber besonders auf Wil
helmshaven entfallen, spielt aber die eben für Borkum gekennzeichnete Wetterlage nur eine sehr
untergeordnete Rolle. In den weitaus meisten dieser Fälle handelt es sich um wirkliche Wetter
umschläge; es sind Temperaturstürze, wie sie beim Vorbeimarsch eines Minimums im Gefolge von
Regen-, Hagel- und Graupelböen kurz nach dem Erreichen des tiefsten Barometerstandes aufzutreten
pflegen, also in der ersten Phase des „Rückseitenwetters“. Hierbei Handelt es sich also neben dem Luft
transport in der Horizontale besonders auch um den Einbruch kalter Luftmassen aus den höheren
Schichten der Atmosphäre. (Derartige Stürze erreichen eben in Borkum nur in verschwindenden Aus-
nahmefällen den Betrag von 5°).
Das fast völlige Fehlen zyklonaler SW-Winde mit gleichzeitigen beträchtlichen Temperatur
abnahmen in Borkum wird — soweit diese Abnahmen durch horizontalen Lufttransport bewirkt werden
— erklärlich, wenn man die Ergebnisse der Studien Shaws über die Luftbahnen in Zyklonen, be
sonders in langsam wandernden Zyklonen, heranzieht. 42 ) Die Zufuhr kalter Luft erfolgt nach Shaw
numnschen Statistik — a. a. O. S. 20 — an Prozent der gesamten Windstillen Borkum und Hamburg übertrifft)
Dieser Widerspruch ist wohl damit zu erklären, daß die Windstärken gesell ätzt werden: Namentlich bei dei
frei gelegenen Inselstation Borkum, aber auch bei Hamburg, das den SE- und SW-Winden freier ausgesetzt is1
als Wilhelmshaven, ist es erklärlich, daß dort der Wind der niederen Stärkegrade geringer eingeschätzt wird, als
in dem geschützt gelegenen Wilhelmshaven.
1S ) W. N. Shaw und R. G. K. Lempfert, The Life history of surfaee air currents .... London 1906 (Met
Office 174). Vergl. Koppen, Met. Zeitschr. 1911, S. 159 ff; Einer, Met. Zeitschr. 1907, S. 520 ff. und besonders
Defsnt, Wetter und Wettervorhersage, Leipzig und Wien 1907, S. 128 und 138 ff.