Ann. d. Hydr. ete., XX. Jahrg. (1892), Heft IL.
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Bemerkenswerthe Stürme. VI bis VIII.
(Die Stürme vom 11. Nov. und 11. Dez. 1891 und vom 5. bis 7. Jan. 1892.)')
Von Prof. Dr. W, J. van Bebber, .
VI. Sturm vom 11. November 1891.
Der Sturm vom 11. November 1891 gehört jedenfalls auch für uns zu den
bemerkenswerthen, wenn er auch seine gröfste Heftigkeit nicht an der deutschen
Küste, sondern auf den britischen Inseln entfaltete, wo die ihn begleitenden
Verwüstungen sehr zahlreich und beträchtlich waren. Auch an der westdeutschen
Küste erreichten die Winde eine ungewöhnlich große Gewalt.
Am 10. November Abends lag ein tiefes Minimum nordwestlich von
Schottland, ein anderes vor dem Kanal. Während das erstere sich nordwärts
fortbewegte, drang das andere nordostwärts vor. Am 11. Morgens lag es mit
einer Tiefe von etwa 720mm über Wales, von allen Seiten umgeben von
stürmischer Luftbewegung, vielfach von schweren Stürmen, und begleitet von
aufserordentlich starkem Regenfall. Die Windstärke betrug am 11. November
um 8% a. m. zu Hurst Castle 10, auf den Scillys 11 der Beaufort’schen Skala.
Zu derselben Zeit war das Wetter an der deutschen Küste noch ruhig, nur Borkum
hatte steife, Wilhelmshaven starke nordöstliche Winde, im Uebrigen lag die
Windstärke unter 3 der Beaufort’schen Skala.
Der Druckvertheilung entsprechend bewegte sich das Minimum in nord-
nordöstlicher bis nördlicher Richtung, wobei die Winde an der deutschen
Küste nach und nach auffrischten. Da bei weiterem Fortschreiten des Minimums
auch ein weiteres Auffrischen der Winde wahrscheinlich erschien, wurde um
121% Uhr die Küstenstrecke von Borkum bis Greifswalder Oie gewarnt, nachdem
schon in der Wetterprognose des Vortages „stark auffrischende‘“ Winde in
Aussicht gestellt waren. Bis etwa 2* p. m. hatten die Winde an der genannten
Küstenstrecke, aufser im äufsersten Westen, . einen stürmischen Charakter noch
nicht angenommen, nach und nach aber frischten dieselben auf und erreichten
dann, von West nach Ost fortschreitend, die Stärke 8 der Beauf orf’schen Skala
und überschritten dieselbe. In Hamburg und Kiel wurden die Winde 4 Stunden
nach angeordneter Warnung stürmisch, in Wustrow 7 Stunden und in Keitum
(auf Sylt) ‚erst 10 Stunden nachher. In Keitum und Wilhelmshaven nahm die
Windstärke nach erlassener Warnung zwar ab, als wenn die Gefahr vermindert
wäre, aber zwischen 6 und 8" p, m. erfolgte ein sehr erhebliches Anschwellen
der Winde; in Borkum stieg die Windgeschwindigkeit sogar auf 32 m in der Se-
kunde, eine Geschwindigkeit, welche nur in sehr schweren Stürmen stattzufinden
pflegt; auch in Keitum war die Windgeschwindigkeit während der Nacht vom
11. auf den 12. November eine ungewöhnlich hohe.
Der Gang der Windgeschwindigkeit während dieses Sturmes ist durch das
nachstehende Diagramm (Seite 46) übersichtlich dargestellt.
Zur Konstruktion dieses Diagramms wurden die Aufzeichnungen der
Registrir-Anemometer an den betreffenden Küstenstationen benutzt, welche die
mittleren Windgeschwindigkeiten für jede Stunde in Metern für die Sekunde angeben.
Da die Angaben der Anemometer je nach ihrer Aufstellung verschieden sind,
so wurden für die einzelnen Anemometer die unteren Grenzen bestimmt, für
welche ein Wind als Sturm noch bezeichnet werden muß (Sturmnorm). Es
ergeben sich für diese unteren Grenzen folgende Zahlenwerthe:”®)
s a I bis V s. Annalen 1880, Seite 609, 1881, Seite 9, 1882, Seite 6, 1884, Seite 676, 1890,
eite 359.
2) Vergl. van Bebber: Ergebnifse der Sturmwarnungen im Jahre 1889, nach Anemometer-
angaben bearbeitet, und Bestimmung der“ unteren Grenze für stürmische Winde. Beiheft IX zum
Monatsbericht der Deutschen Seewarte 1889.