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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1914, Nr. 1
das vergleichsweise warme und salzreiche Mittelmeer
wasser, das als Unterstrom die Gibraltar-Straße verläßt,
nicht nur nach Norden sich wendet und daselbst bis Irland
nachweisbar bleibt, sondern auch nach Süden und Westen
als Tiefenstrom in mittleren Schichten des offenen Atlan
tischen Ozeans weithin sich noch ausdehnt (vergl. § 11).
Von Santa Cruz aus besuchten der Kommandant und
der I. Offizier das internationale meteorologisch - aerolo-
gische Observatorium am Pic von Teneriffa. Ein dritter
Reiseabschnitt führte vom 12.—19. Juni auf im allgemeinen
südlichen Kursen von den Kanarischen Inseln bei erst ganz
flauem, dann frischem NO-Passat das Schiff zur afrika
nischen Küste in Dakar eben südlich des Kap Verde, wobei
zunächst ein Längsschnitt durch den Kanaren-
ström gewonnen wurde. Der außerdem ausgeführte
ozeanographische Querschnitt durch denselben Kanaren-
strom, der sogenannte Dakar schnitt, verläuft nicht
westöstlich, sondern nordwest-südöstlich; man wollte von
See her nach Land hin nicht genau auf der Breite gegen
den starken Passat andampfen müssen. Gleichwohl ge
stalteten sich die Tiefseearbeiten mühsam, da der Kurs quer
zur hohen Dünung lief und das kleine Schiff außerordent
lich stark schlingerte, oft bis zu 25° und 30° nach jeder
Seite überholend.
In der mit Dakar erreichten nordatlantischen Tropenzone verweilte „Möwe“ dann bis Ende
August 1911, da Duala (Kamerun) zur Weiterfahrt nach Süden am 1. September verlassen wurde.
Während der Zwischenzeit, von Mitte Juni ab, hat das Schiff die Reise von Dakar nach Freetown in
Sierra Leone (vierter Reiseabschnitt), von da nach Lome in Togo (fünfter Reiseabschnitt) und weiter nach
Kamerun (sechster Reiseabschnitt) ausgeführt, außerdem aber auch mehrere Wochen an verschiedenen
Plätzen der Oberguineaküste zugebracht, so vor Accra, Lagos und Togo für gewisse Vermessungsauf
gaben. Der ganze Aufenthalt fiel, den Monaten entsprechend, in die große Regenzeit, die manche Er-
sclrwerungen der Arbeiten brachte, nicht allein durch starke Brandung bei den Landungen, sondern
auch durch stark bewölkten Nachthimmel, der z. B. in Togo die Offiziere zwang, 23 Nächte hinter ein
ander von Dunkelwerden bis Hellwerden am Beobachtungspfeiler zu warten, ehe es gelang, die Sterne,
die gebraucht wurden, zu beobachten. Die Strecke von Freetown bis Duala liegt im Bereiche des Guinea
stromes und des SW-Monsuns; die östlich von Kap Palmas ausgeführten Reihenlotungen gestatten daher
durch Verbindung der Stationen 28—32 einen Längsschnitt durch diesen Guineastrom,
also in West-Ost-Richtung. Der aerologische Dienst hatte nur wenig Erfolg, teils, weil der Wind zu sehr
achterlich und in den oberen Schichten zu schwach war, teils weil die Uhrwerke in den Drachengestellen
unerklärlicherweise stehen blieben, während sie an Deck und in der Kammer gingen.
Der siebente Reiseabschnitt verlief von Duala zur Kongomündung und brachte das Schiff südlich
vom Äquator schon durchaus in das Bereich des Benguelastromes, den es dann auf der gesamten übrigen
Reise bis Swakopmund nicht mehr verlassen hat; gerade in dem nördlichsten Teile des Benguelastromes
hat „Möwe“ die stärksten Versetzungen während der ganzen Ausreise beobachtet, z. B. zwischen 0° und
3° S-Br. bis zu 40 Sm im Etmal nach NzW. Die Reise zum Kongo fiel in die Tage vom 1. bis 10. Sep
tember; von diesem Zeitraum wurden der 7., 8. und 9. vor dem Anlaufen von Banana dazu benutzt, in der
bekannten untermeerischen Talrinne des Kongo das noch unvermessene Stück in der Mitte gründlich
abzuloten (s. oben S. 2). Die hierbei gewonnenen Ergebnisse sind § 9 bei den Tiefenlotungen behandelt.
Dieser siebente Reiseabschnitt lieferte zugleich den nördlichsten auf rund 4° bis 5° S-Br. durch den Ben-
guelastrom gelegten Querschnitt, den sogenannten Loangoschnitt (s. Fig. 2).
Forschungsreise S. M. S. „Möwe“ 1911.