Nr. 1
Arabische Gnomonik
von Dr. Carl Schoy, Essen (K.).
Historisch bibliographische Einleitung.
Als der älteste arabische Astronom, bei dem man einiges über die Gnomonik der Araber findet, wird
gewöhnlich Al-Battäni, d. i. Mann aus Battan in Syrien, genannt, der im Abendlande unter dem Namen
Albategnius bekannt ist. Er lebte anfänglich in Raqqa, später in Bagdad. Gestorben ist er im Jahre 929
unserer Zeitrechnung. In vollständiger lateinischer Ausgabe besitzen wir das Buch: „Über die Bewegung
der Sterne“ (de motu stellarum), die wir einem Gelehrten des 12. Jahrhunderts, Plato von Tivoli, ver
danken. Sie wurde 1537 zu Nürnberg gedruckt und kommentiert herausgegeben durch Regiomontan
als Appendix zu den Rudimenta astronomica des Alfraganus unter dem Titel: de scientia stellarum. Das
Vorwort stammt von Melanchton. Im opus astronomicum Al-Battäni, sive Albatenii, ad fidem cod.
Escurial. arabice editum, lat. versum, adnotation. instructum a. C. Alfonso Nallino 1 ) besitzen wir eine
vorzügliche Neuausgabe des berühmten arabischen Astronomen. Aus pars I (pag. 138) derselben erfahren
wir, daß sowohl horizontale als auch vertikale Sonnenuhren einen Stylus be-'
sitzen, der senkrecht auf dem Zifferblatte steht, also bei Vertikaluhren parallel zum
Horizonte läuft. Damit ist schon ein fundamentaler Unterschied zwischen der occidentalen und arabischen
Sonnenuhr gegeben, denn bei der ersten weist der Zeiger nach dem Weltpol 2 ) (Polos).
Aber längst vor Al-Battäni haben sich ostarabische Astronomen mit der Konstruktion von Sonnen
uhren beschäftigt, die gewöhnlich auf Marmor- oder Kupferplatten verzeichnet wurden. So ist es begreif
lich, warum die Sonnenuhr im Arabischen „Ruchämet“ (Marmorplatte) heißt. H. Suter erwähnt in seinem
Buche: „Die Mathematiker und Astronomen der Araber und ihre Werke“, Leipzig 1900 (Übersetzung des
VII. Teiles des Kitäb el-Fihrist [Buch des Verzeichnisses]) den Mohammed ben Müsä al-Clio-
wärezmi aus Chowarezm, (Chiwa) der als Astronom in den Diensten des Khalifen Al-Mamüm stand
und zwischen 835 und 845 starb. Nicht nur, daß er auf Befehl dieses berühmten Abasiden einen Auszug
aus einem Sindhind der Inder, der schon unter Al-Mansur durch Al-Fazäri übersetzt wurde, anfertigte,
schrieb er u. a. auch: „Über die Sonnenuhr“. Dieses Werk scheint jedoch nicht einmal mehr arabisch vor
handen zu sein. Zu dem Gelehrtenstab, den Al-Mamüm an seinem Hofe hielt, gehörte auch Ahmed
ben Abdallah, bekannter unter dem Namen Habas el häsib (der Rechner) el-Merwazi, der in Bagdad
lebte (+ ca. 864—874). Ihm werden u. a. die Abhandlungen zugeschrieben: „Über Sonnenuhren und Gnomone“,
sowie: „Über die Konstruktion der horizontalen, senkrechten, geneigten und schiefen (gedrehten) Flächen“. 3 )
Es hat ferner Ahmed ben Moh. ben Ketir al-Fargani aus Fargan in Transoxanien, der ebenfalls
Astronom Al-Mämüms war, nach Golius, der sein Hauptwerk: „Das Buch der Elemente der Astronomie“
arabisch und lateinisch herausgab, (Amsterdam 1669) ein ßucli über die Konstruktion der Sonnenuhren ver
last unter dem Titel: „Marmorplatten“. (Vgl. Golii Notae in Alfraganum, pag. 2). Nach H. Suter a. a. 0.,
pag. 36 muß der berühmte arabische Mathematiker Tabit ben Qorra (826—901) ebenfalls mehrere Bücher
ß Publikationen der Sternwarte der Brera bei Mailand (1S99—1903).
2 ) In meinem bereits im Vorwort erwähnten Aufsatz habe ich mich eingehend darüber geäußert, weshalb die Araber
nur einseitig Gnomone konstruierten. Wiederum sind es religiöse Gründe gewesen.
3 ) Nach Suter, a. a. 0. pag. 13, handelt es sich hier wahrscheinlich um Sonnenuhren.