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Full text : 27, 1904

No.  1.

Versuche  über  den  Stau  und  Sog  an  den  Oberflächen  halbeingetauchter,
schräg  durch  das  Wasser  geführter,  drachenälmliclier  Körper.
Von  Prof.  Dr.  W.  Kuppen.

Die  meteorologischen  Drachenversuche  der  Deutschen  Seewarte,  die  zur  Erfindung  einiger  neuer
Drachenformen  führten,  legten  mir  den  Wunsch  nahe,  über  die  Verteilung  des  Winddrucks  auf  den  Drachenflächeu
  und  über  die  gegenseitige  Beeinflussung  der  Flächen  auf  experimentellem  Wege  Auskünfte  zu  erhalten.
Versuche  in  Luft  waren  ausgeschlossen,  weil  sie  viel  zu  schwierig  und  zeitraubend  sind,  als  daß  ich  sie  hätte
neben  meinen  übrigen  Arbeiten  zu  einem  befriedigenden  Ergebnis  durchführen  können.  Dagegen  gab  der
von  Herrn  Prof.  Dr.  Fr.  Ahlhorn,  Oberlehrer  am  hiesigen  Realgymnasium,  eingeschlagene  Weg,  diese  Druckverteilung ­
  aus  dem  Aufstau  des  Wassers  an  der  vorderen  und  der  Depression  desselben  an  der  hinteren
Seite  einer  schräg  durch  das  Wasser  bewegten  Platte  zu  erschließen,  Aussicht  auf  schnelle  Gewinnung  einer
Orientierung  über  die  einschlägigen  Verhältnisse  in  ihren  Hauptzügen.  Sehen  wir  von  den  Vorgängen  an
den  Seitenrändern  des  Drachens  ab,  so  muß  in  der  Tat  geometrische  Ähnlichkeit  bestehen  zwischen  den
Bewegungen  der  Flüssigkeit,  sowie  auch  der  Verteilung  des  Druckes,  an  einem  Drachen  und  an  der  Eintauchstelle ­
  einer  senkrechten,  halb  ins  Wasser  getauchten,  horizontal  bewegten  Platte.  Für  die  letztere  aber  ergibt
die  Benetzungshöhe  in  einfachster  Weise  nicht  allein  die  entscheidende  Differenz  der  Drucke  auf  die  vordere
und  hintere  Fläche  der  Tafel  für  jede  Stelle  ihrer  Eintauchlinie,  sondern  auch  durch  Vergleiche  mit  dem
Ruhe-Niveau  des  Wassers,  die  Entstehung  dieser  Druckdifferenz  aus  einer  Druckerhöhung  vor  und  einer  Druckminderung ­
  hinter  der  Tafel.  Denn  wir  dürfen  bei  annähernd  stationär  gewordener  Bewegung  ebenso,  wie
bei  ruhender  Flüssigkeit,  die  Höhe  des  Wasserstandes  an  den  verschiedenen  Stellen  der  beiden  Oberflächen
der  Tafel  als  Maß  des  auf  dieselben  wirkenden  Druckes  ansehen.
Da  die  tragende  Fläche  meteorologischer  Drachen  gegenwärtig  stets  durch  eine  Verbindung  mehrerer
ganz  oder  annähernd  paralleler  Segel  gebildet  Avird,  so  habe  ich  besonders  die  gegenseitige  Beeinflussung
benachbarter  schräger  Platten  auf  obigem  Wege  durch  eine  große  Zahl  von  Versuchen  näher  geprüft.  Hierzu
wurde  eine  höchst  einfache  Methode  angewendet,  die  zwar  keine  große  Genauigkeit  gestattet,  aber  zu  einer
ersten  Klärung  des  Terrains  und  zur  Feststellung  der  charakteristischsten  Züge  der  Erscheinung  genügt  und
schnell  eine  große  Reihe  von  Versuchen  auszuführen  gestattet.  Die  Versuche  sind  nur  zum  kleinsten  Teile
von  mir  selbst,  zum  größeren  von  den  Herren  W.  Bethge  und  M.  Keller  unter  meiner  Leitung  auf  der
Seewarte  in  den  Jahren  1901  und  1902  ausgeführt  worden.
Herr  Fr.  Ahlhorn  hat  bekanntlich  die  Untersuchung  der  Erscheinungen  des  Flüssigkeits-Widerstandes
in  sehr  erfolgreicher  Weise  auf  zwei  Wegen  in  Angriff  genommen:*)  1)  durch  die  photographische  Festlegung ­
  der  Bewegung  der  Flüssigkeitsteilchen  in  der  Umgebung  des  widerstehenden  Körpers  und  2)  durch
Feststellung  der  Niveauänderungen  der  Flüssigkeit  an  der  Oberfläche  des  durch  dieselbe  geführten,  halbeingetaucliten
  Körpers.  Herr  Ahlborn  selbst  hat  seine  Aufmerksamkeit  bis  jetzt  überwiegend  dem  ersten
dieser  Wege  zugewandt  und  auf  ihm  eine  große  Anzahl  schöner  und  höchst  instruktiver  Diagramme  gewonnen,
von  denen  er  eine  Auswahl  an  mehreren  Orten  besprochen  und  veröffentlicht  hat.  Den  zweiten,  einfacheren
Weg  dagegen  hat  er  bis  jetzt  nur  für  Avenige  Fälle  einfachster  Art  verfolgt.  Die  vorliegende  Untersuchung
*)  Die  erste  Veröffentlichung  geschah  auf  der  73.  Versammlung  Deutscher  Naturforscher  und  Aerzte  in  Hamburg  1901;
spätere  sind  umseitig  angeführt.

Archiv  1904.  1.
            
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