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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1903 No. 4 —
und die zugehörige Küstennormale größer oder kleiner geworden sei oder keine Aenderung erfahren habe,
wie ferner die Zeichen X und # anzeigen, bei welcher Küstennormale die größte Ab- und Zunahme fUr
den betreffenden Quadranten eintritt.
Bei Ableitung der durch Fig. III dargestellten Verhältnisse ließen wir die an der Küste auftretenden
ablenkenden Luftströmungen in der Richtung der Normale vom Meer auf die Küste wehen. Die Figur stellt
also den Einfluß der Seewinde*) dar, und wir erhalten den der vom Lande wehenden Landwinde einfach durch
Umkehrung der Vorzeichen.
Der Darstellung lag die im allgemeinen nicht erfüllte Annahme einer ursprünglich gleichmäßigen Ver
teilung von Winden gleicher Stärke auf die Kompaßrose zu Grunde, da nur in diesem Falle aus der Ver
gleichung der Winkelwerte die aufgestellten Schlüsse gezogeu werden konnten; wir werden daher nicht
erwarten dürfen, daß sich die beobachteten Einwirkungen des Meeres jenen Folgerungen vollständig an
schließen werden. Sind die Winde vor der Einwirkung des Meeres ungleichmäßig auf die Quadranten ver
teilt, so ist die Anzahl der beobachteten Winde nicht den Winkeln der ursprünglichen Windrose proportional,
wie andererseits auch im Falle der gleichen Verteilung Verschiedenheiten der Stärke der ursprünglichen
Winde deren verschieden starke Ablenkung und damit Abweichungen gegen die der Erörterung zu Grunde
gelegte Annahme bewirken müssen. Die nachstehende Anwendung der vorstehenden Entwicklung auf die
gegebenen Beobachtungen dürfte jedoch erweisen, daß jene Annahme als Annäherung für den vorliegenden
Zweck im großen und ganzen ausreichend ist.
§ 9. Was lehrt die Quadranten-Verteilung der Winde in ihrer Aenderung von einem Termin
zum andern über den Einflufs des Meeres?
Wenn durch die Ungleichheit von Insolation und Ausstrahlung an der Küste besondere Meereswinde
hervorgerufen werden, so werden die von See wehenden Seewinde vom Morgen bis zu einer Nachmittags
stunde zunehmen und dann abnehmen, während umgekehrt die vom Land wehenden Landwinde, falls sie am
Tage auftreten, eine Abschwächung bis zu einer Nachmittagsstunde und dann eine Zunahme beobachten
lassen müssen.
Zunahme der Seewinde und Abnahme der Landwinde werden bis auf ihre ziffernmäßige Größe dieselbe
Einwirkung auf die Verteilung der Winde auf die Quadranten ausüben, entgegengesetzt derjenigen einer
Abnahme der Seewinde und einer Zunahme der Landwinde.
Falls an der Küste Meereswinde auftreton, werden wir daher überall für jeden Quadranten in allen
Monaten das gleiche, durch die Richtung des Küstenverlaufs gegebene, Vorzeichen für die Aenderungen der
Windverteilung an einem Orte vom Morgen bis Nachmittag und in gleicher Weise weiterhin bis zum Abend
erwarten. Abweichungen von diesem Verhalten werden wir auf besondere Ursachen zurückzuführen haben.
In Tab. II des Anhangs finden sieh für alle Stationen die Aenderungen der Quadranten-Prozente von
Morgen bis Nachmittag und von diesem 'fermin bis zum Abend für alle Monate zusammengestellt; bei ihrer
Ableitung wurden die zweiten Dezimalstellen der Prozentzahlen berücksichtigt. Um jedoch zunächst einen
Ueberblick über die an der Küste auftretenden Verhältnisse zu gewinnen, wollen wir die mittleren Ver
teilungen im April bis Juni und November bis Januar und deren Aenderungen von Termin zu Termin auf
suchen und erörtern.
Um den Einfluß des Meeres an der Iland der Theorie zu untersuchen, wurde für die Stationen die
Richtung der Küstennormalen im Sinne des vorhergehenden Paragraphen festgestellt, wobei der mittlere
Verlauf der Küste in der Umgebung eingesetzt wurde. Für die Inselstationen Keitum und Borkum wurde
der Verlauf der benachbarten, durch das Watt von den Inseln getrennten Küste substituiert — mit welcher
Berechtigung, wird sich alsbald zeigen. Die Küste macht ferner bei Wilhelmshaven eine Biegung, sodaß ein
bestimmter Wert für die Richtung der Normale nicht angegeben werden kann, und für Hamburg läßt sich
überhaupt kein solcher nennen, da dieser Ort eine mittlere Lage zwischen Ostsee und Nordsee besitzt.
In Tab. I linden wir zunächst neben den Richtungswinkeln der Küstennormalen den der Fig. III zu ent
nehmenden theoretischen Einfluß des Meeres auf die Häufigkeit der Winde der einzelnen Quadranten und
darunter in Tab. Ia zusammengestellt die Aenderungen der Quadranten-Häufigkeitsprozente von 8* bis 2 l>
und von 2P bis 8 P , im Mittel sowohl für die Monate April bis Juni wie für November bis Januar. In der
Tabelle sind der Uebersichtlichkeit halber alle Zahlen, deren Vorzeichen der theoretischen Einwirkung des
*) Als See- und Landwinde sollen durchweg die durch thermische Gegensätze hervorgerufenen Luftströmungen,
nicht die beobachteten Winde bezeichnet werden.