\V. Koppen: Erforschung der freien Atmosphäre mit Hülfe von Drachen.
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theurer. Das Gewicht des von mir verwendeten „Nainsook“ oder „Cambric“ ist 62 —68 g pro Quadratmeter;
andere von mir zu Drachen benutzte Baumwollzeuge — Calicot, Jaconnet, Satin — wiegen 80—100 g pr. qm.
Ein aus Berlin bezogener „Batist“ wog zwar nur 66 g pro qm, erwies sich aber als zu schwach: Drähte,
gegen die er vom Wind gepresst wird, zerschneiden ihn. In neuester Zeit wird auf dem Blue Hill Seide als
Bezug für Drachen genommen.
Man hat vielfach versucht, den Bezug der Drachen durch Firnissen einerseits undurchlässiger für den
Wind, andererseits unempfindlicher gegen Regen zu machen. Der grosse Drache, den die Seewarte vom
Washingtoner Wetterbureau erhalten hat, ist nicht gefirnisst. Chanute empfiehlt das sogenannte Collodium
flexile zu diesem Zweck und rühmt daran, dass es erstens die Spannung des Zeuges durch Zusammenziehung
desselben erhöhe und zweitens zugleich als Klebstoff diene, um den Bezug an das Gestell fest zu machen.
Die Zusammensetzung, die er anwendet, ist folgende: 60 g Schiessbaumwolle, 11 Alkohol, 31 Aether, 20 g
Ricinusöl und 10 g Canadabalsam. Statt des letzteren wird hier gewöhnlich Terpentinöl angewandt. Die
Lösung muss mit einem flachen Pinsel rasch aufgetragen werden, da sie sehr schnell trocknet. Die von mir
aus gewöhnlichem Collodium durch Zusatz von Alkohol, Aether und Ricinusöl hergestellte möglichst ähnliche
Mischung hatte indessen nicht so starke Klebwirkung, wie Chanute sie beschreibt; auch wurde der Stoff
durch zweimaliges üeberzielien damit wohl steif und undurchlässig, allein im Laufe der Zeit ging das Col
lodium allmählich wieder ab, wenigstens auf den zusammenlegbaren Malay-Drachen, deren Zeug immer
wieder gefaltet wird und die viel in Verwendung waren; die Festigkeit des Zeuges hat dabei nicht gelitten.
Leinölfirniss in ebensolchen Drachen bleibt länger im Zeuge, greift aber vielleicht das letztere etwas an.
Uebrigens wurde der Firniss in beiden Fällen nur auf dem vorderen Drittel des Malay-Drachens, bis etwas
hinter die Querstöcke reichend, angebracht. Auf dem Blue Hill, wo anfangs einer Kautschuk-Lösung der
Vorzug gegeben wurde, ist diese verlassen worden, weil sie den Stoff angreift, und ist später nur Paraffin,
in neuester Zeit aber Pegamoid zum Firnissen von Drachen angewandt worden. In Reinickendorf wird z. Z.
aller Drachenstoff paraffinirt.
Eine Prüfung der Frage, welche das Hamburger Chemische Staatslaboratorium auf die Bitte der See
warte angestellt hat, ergab das folgende:
„Um das Gewebe wasserdicht zu machen, konnten nur solche Lösungen von wasserundurchlässigen
Substanzen in Betracht kommen, die sich mit dem Pinsel aufstreichen,*) das Wasser rasch verdunsten lassen,
und einen zusammenhängenden, gegen das Eindringen von Wasser möglichst widerstandsfähigen Ueberzug
hinterlassen.“
„Eine Lösung von festem Paraffin in Benzol oder eine Mischung von Collodium mit Aether und Ricinusöl
erwiesen sich als am geeignetsten für den vorliegenden Zweck.“
„Die Paraffin-Benzol-Lösung (20°/o festes Paraffin enthaltend) giebt warm einmal aufgestrichen nach
dem Verdunsten des Benzols einen wasserundurchlässigen Ueberzug, der durch Erwärmen des mit Paraffin
getränkten Gewebes recht gleichmässig wird, indem das Paraffin schmilzt und sich in das Gewebe einzieht.
Die Gewichtszunahme beträgt für gefärbtes Zeug 52.5 g pro qm.“
„Eine Mischung von gleichen Gewichtstheilen Collodium dupl. und Aether mit einem Zusatz von 2%
Ricinusöl giebt nach zweimaligem Aufstrich ebenfalls einen gegen das Eindringen von Wasser ziemlich
Aviderstandsfähigen Ueberzug. Die Gewichtszunahme beträgt für dasselbe Zeug pro qm 1.05 g nach ein
maligem Aufstreichen und 1.95 g nach zweimaligem. Das Gewebe erscheint nach der Behandlung mit Collo
dium geschmeidiger, als wie nach der Imprägnirung mit Paraffin, ohne dabei wesentlich weniger widerstands
fähig gegen das Eindringen von Wasser zu sein.“
Hiernach scheint ein Ueberzug von Collodium flexile, besonders des geringen Gewichts wegen, sich am
meisten zu empfehlen. Oele, die hei gewöhnlicher Sommer-Temperatur flüssig sind, sind zum Imprägniren
von Drachen deshalb nicht zu empfehlen, weil sie eine ziemliche Belastung darstellen und doch vom Regen
wasser allmählich verdrängt werden.
Die Frage ist berechtigt, in wie weit überhaupt das Firnissen des Drachenzeuges nöthig und vortlieil-
haft ist. Das Vollsaugen des Zeuges mit Regenwasser ist nicht so bedenklich, wie manche glauben, denn
im Laufe unserer Versuche sind wiederholt direkt aus dem Wasser gezogene Drachen sofort hinaufgeschickt
worden und sehr gut gestiegen; das ist sogar die schnellste und beste Methode, sie zu trocknen. Doch
*) Weil die betreffenden Drachen bereits bezogen waren.