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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1901 No. 1 —-
1> 2 ) An kleineren Kastendrachen besitzt die Seewarte einerseits 10 selbstgebaute von verschiedener Grösse,
andererseits einen von Herrn Teisserenc de Bort geschenkten Drachen von dem in Trappes angewandten
Muster, einen von Frau Prof. Vetter geschenkten amerikanischen Kinderdrachen nach Horsman’s Patent und
einige von den auf S. 46 erwähnten „ diamond“- Drachen von Potter, die hier fabrikmässig hergestellt werden.
Der Drache aus Trappes, der am 18. November 1899 hier anlangte und neben dem Marvin-Drachen
als gleichfalls bewährtes Modell sehr werthvoll für die Arbeiten der Seewarte war. hat folgende Dimensionen:
Breite 130 cm, Länge der drei Zellen 47+45 + 58 = 145 cm, Tiefe 50 cm, Tragfläche 2.6 qm, Gewicht1.9 kg
oder 0.73 kg pro qm. Eine genauere eigene Kenntnissnahme der Eigenschaften dieses Drachens war leider
nicht möglich, da er bei seinem zweiten Aufstieg durch Niederschiessen in allzustarkem Winde zertrümmert
wurde und sein Zeug durch Firnissen so hart ist, dass eine Reparatur unmöglich erschien. Die Stabilität
dieser Drachen lässt im übrigen, wie Herr Teisserenc de Bort versichert, nichts zu wünschen.
Mehrere Kastendrachen von 3 bis 4 qm Tragfläche, die im Sommer 1900 hier erbaut sind, haben theils
als Hilfsdrachen neben dem Marvin, theils an Stelle desselben, wenn dieser gerade Havarie erlitten hatte,
bei zahlreichen Aufstiegen gute Dienste gethan. Auch diese sind in der Weise hergestellt, dass zuerst die
vier Querrahmen gebaut und dann die Längshölzer an denselben, und zwar wie beim Drachen aus Trappes
im Innern der Rahmen, angebracht sind; als Längshölzer habe ich gekehlte Leisten angewandt, deren Form
aus dem Querschnitt einer Rahmenecke (Fig. 40) bei l zu ersehen ist. Solche Leisten sind fertig zu haben,
besitzen wegen ihrer Form grosse Bruchfestigkeit und lassen sich gut mit den Querleisten zusammen laschen.
Es lassen sich indessen bei dieser Bauart keine so guten Plätze zur Anbringung der Drähte finden, wie
beim Marvin-Drachen, und Reparaturen sind dadurch zeitraubender, als bei diesem.
c) Treppen-Drachen. Zieht man im Rahmen eines Hargrave-Drachens das Zeug, anstatt rings um
die beiden äusseren Zellen, (1) diagonal und parallel in beiden, (2) vertikal über die ganzen Seitenflächen, so
erhält man einen Treppen- oder Jalousie-Drachen. Stellt Fig. 41 einen solchen Rahmen in Seitenansicht
dar, so sind beim Hargrave-Drachen ac, hd, eg und fh die Tragflächen, abcd und efgh die Steuerflächen;
im Treppendrachen sind ad und eh, eventuell auch cf und noch zwischengeschobene Parallelsegel die Trag
flächen und ist adelt die Steuerfläche. Nehmen wir an, dass ah = ac = ce = eg sei, und nennen wir die
Breite des Drachens B, so ist die Tragfläche, wenn das Gestell als Hargrave-Drachen bezogen ist, 4XFX(ac),
und wenn es mit 2 Diagonalflächen bezogen ist 2X BX(ad) — 2X1.4X(ac)Xj9 = 2.8X BX(ac), also beträcht
lich weniger. Dennoch zeigte ein in dieser Weise am 9. Juni 1901 provisorisch, mittels Stecknadeln, mit nur
2 Trageflächen bezogener Hargrave-Ralimen offensichtlich bedeutend leichteres Steigen, als ein gewöhnlicher
Hargrave, so dass am 14. Juni nachmittags, als im Anschluss an den internationalen Ballontag der Meteoro
graph nochmals emporgeschickt werden sollte und der Wind zu schwach war, um einen der Hargrave-
Drachen zu heben, der Aufstieg nur durch Zuhülfenahme dieses provisorischen Drachens gelang. Die Ur
sache liegt offenbar darin, dass bei dieser Anordnung die Flächen einander wenig beeinflussen, während beim
Hargrave-Drachen mindestens die obere Fläche der Hinterzelle und bei der steilen Anfangsstellung auch
diejenige der Vorderzelle nur geringen Winddruck erhält.
Auf dieser Erfahrung fussend, habe ich zwei der für die Süd-Polar-Expedition bestimmten Gestelle von
Hargrave-Drachen mittlerer Grösse zu Treppendrachen umbauen lassen. An dem Gerüst kamen dabei je
zwei Querleisten und sechs Streben, sowie Theile der Längsleisten in Wegfall; an ihre Stelle traten sechs
schräge Leisten, die die Ränder der Segel einfassen, und zwei Querleisten für die Zwischensegel, die aber
nur mit Schleifen an ihren Ort gebunden sind und sich leicht entfernen lassen, wenn die grössere Wind
stärke dies wünschenswertli erscheinen lässt.
Von diesen beiden Drachen ist No. I auf Fig. VI (Tafel 2) in derjenigen Form, mit 3 grossen und
2 halben Segeln, dargestellt, in welcher er am 25. Juni 1901 bei massigem Winde gut geflogen ist, am
folgenden Tage aber bei starkem, böigem Winde unruhig flog und schliesslich den 0.7 mm-Draht zerriss;
wieder eingebracht, und ohne die beiden Zwischensegel aufgelassen, flog er weit ruhiger.
Die Elemente dieses Treppendrachens No. 1 waren:
Breite 170 cm, Längsstöcke 132 cm, Tiefe 66 cm, Volum 1.40 cbm, Steuerfläche 1.82 qm.
Tragfläche Gewicht Gewicht pro qm
ohne Zwischensegel 3X1.70X0.88 = 4.5 qm
mit den Zwischensegeln... 4.5 + 2X1.68X0.30 = 5.5 qm
3.0 kg
3.3 kg
0.666 kg
0.600 kg