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Volltext : 24, 1901

W.  Koppen:  Erforschung  der  freien  Atmosphäre  mit  Hülfe  von  Drachen.

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Auch  Lamson’s  Drache  ist  nach  Hargrave’s  Prinzip  eine  Verbindung  von  Tragflächen  und  vertikalen
Flächen,  die  in  zwei  „Zellen“  hintereinander  angeordnet  sind.  Allein  die  Form  und  relative  Grösse  dieser
Flächen  ist  eigentümlich,  wie  man  aus  Fig.  IV,  Tafel  2,  erkennt,  der  Kopie  einer  vortrefflichen  Photographie,
die  ich  der  Güte  des  Herrn  Teisserenc  de  Bort  verdanke.  Der  dargestellte  Drache  ist  auf  dessen  Privat-Observatorium
  zu  Trappes  (S.  et  Oise)  gebaut.  Herr  Teisserenc  de  Bort  schreibt  mir  am  2.  Februar  1899:
„Je  considère  ce  genre  de  cerf  volant  comme  très  bon.  Un  seul  de  ces  cerfs  volants  m’a  porté  à  1800  m
un  enregistreur  —  soit  environ  13  kg,  sans  compter  le  poids  du  cerf  volant.  Vous  pouvez  construire  ces
cerfs  volants  de  façon  qu’il  ne  pesait  que  650  à  700  grammes  par  mètre  carré.  La  partie  délicate  de  ce
modèle  est  dans  le  bras  inférieur  qui  cassait  facilement  sous  l’effet  du  vent;  il  faut  soit  la  faire  un  peu
solide,  soit  la  consolider  par  une  traverse  AB*)  qui  la  empêche  de  plier.  J’emploi  d’ordinaire  les  Hargraves
plus  faciles  à  construire  et  qui  vont  très  bien.“
Ein  besonders  wesentlicher  Zug  dieses  Drachens,  dem  er  seine  Benennung  „aero-curve“  verdankt,  sind
die  gekrümmten  Längsrippen,  durch  die  die  beiden  vorderen  Segel  eine  gewölbte  Form  erhalten.  Wenn  ich
nicht  irre,  so  war  Herr  Lamson  der  erste,  der  diese  annähernd  starre  Wölbung,  wie  sie  nach  Lilienthals
Vorgang  Clianute,  Langley  u.  A.  an  ihren  Flugmaschinen  anwenden,  bei  Drachen  einführte,  und  ist  Hargrave
erst  später  auf  diesen  Punkt  eingegangen.  Bis  dahin  hatte  man  den  Nutzen  der  Wölbung  zwar  auch  bei
Drachen  wohl  festgestellt,  aber  ihre  Hervorbringung  dem  Winde  überlassen  und  sich  begnügt,  das  Zeug  an
der  richtigen  Stelle  lose  zu  lassen,  damit  es  sich  aufblähen  könne.
D.  Nikel-Drache.  Der  Drache,  den  ein  Mitglied  des  Wiener  Flugtechnischen  Vereins,  Herr  Ingenieur
Nikel,  nach  dem  Muster  des  Drachenfliegers  von  Kress  erbaut  und  am  19.  August  1898  zuerst  probirt  hat,
theilt  mit  dem  Hargrave-Drachen  das  Prinzip  der  Zertheilung  der  Fläche,  hat  aber  alle  tragenden  Flächen
im  Ruhezustand  in  einer  Ebene,  statt  in  mindestens  zweien,  wie  der  letztgenannte  Drache.  Dadurch  hat
er,  wie  Fig.  Va  es  zeigt,  eine  unbequem  grosse  Länge,  und  vermag  die  vertikalen  Steuerflächen  nicht  als
Verbindungsstücke  zwischen  beiden  Drachenflächen,  sondern  nur  als  besonderes  Steuer  am  hinteren  Ende
zu  tragen.  Dieses  würde  wohl  kaum  ausreichen,  ihn  stabil  zu  machen,  wenn  nicht  die  einzelnen  Flügel,
wie  die  Figur  es  zeigt,  im  Winde  stark  zurückgebogen  würden,  so  dass  der  Drache  dem  Malay-Draclien  in
bezug  auf  die  Stellung  der  Tragflächen  ähnelt.  Der  in  Fig.  Va  und  b,  Tafel  2,  abgebildete  erste  Drache
dieser  Form  hatte  eine  Länge  von  8  m,  eine  Breite  von  4  m  und  eine  Gesamtfläche  von  12.2  qm,  die  aus
6  Flügelpaaren  bestand;  sein  Gewicht  betrug  7‘/2  kg,  also  0.61kg  pro  qm.  Jedem  dieser  Flügel  dient  als
Rahmen  eine  gebogene  Weidenruthe,  die  seinen  vorderen  Rand  bildet;  sein  hinterer  Rand  ist  frei,  nur  in
seiner  Mitte  durch  ein  Band  nach  dem  folgenden  Flügel  hingezogen.  Unter  dem  Winddrucke  heben  sich
die  Flügel  jalousieartig  von  einander  ab,  wie  Fig.  Vb  erkennen  lässt;  das  ist  wohl  die  Ursache  dafür,  dass
die  Flächen  bei  diesem  Drachen  so  viel  näher  hintereinander  liegen  können,  als  beim  Hargrave-Drachen,
was  die  Unbequemlichkeit  ihrer  Anordnung  in  einer  Ebene  mildert;  immerhin  verlangt  ein  Drache  von  8m
Länge  einen  recht  grossen  Aufbewahrungsraum.  Genauere  Angaben  über  das  Verhalten  des  Drachens  fehlen
noch.  Die  enthusiastische  Schilderung,  die  der  Erfinder  in  der  „Leipziger  Illustrirten  Zeitung“  und  den
„Illustr.  Aeronaut.  Mittheilungen“,  Januarheft  1899,  gegeben  hat,  wird  bestätigt  durch  einen  Brief  von  Herrn
Direktor  Dr.  Pernter,  der  mir  unterm  18.  Oktober  1898  schrieb:  „Das  Probemodell  hatte  15  qm  Fläche
und  bewährte  sich  ausserordentlich,  grandios.  Ich  liess  daraufhin  sofort  einen  Drachen  dieses  Systems  von
22  qm  Fläche  konstruiren,  der  im  November  fertig  werden  soll.“  Die  Erwartungen  scheinen  sich  indessen
bis  jetzt  nicht  bestätigt  zu  haben,  wahrscheinlich  weil  das  damals  nur  bei  schwachen  Winden  probirte  Modell
sich  in  grösseren  Windstärken  als  allzu  biegsam  erwiesen  hat.  Marvin,  Fergusson,  Rotch  und  Teisserenc  de
Bort  (mündlich),  sie  alle  verlangen  wohl  mit  Recht  von  einem  Drachen  für  hohe  Aufstiege  möglichste  Starrheit, ­
  da  Stangen,  die  sich  biegen,  dies  sehr  selten  gleichmässig  thun,  und  dadurch  die  Symmetrie  des
Drachens  unter  starkem  Druck  gestört  wird.  Auch  die  Drachen  der  Seewarte  w r aren  nicht  stabil,  so
lange  ich  sie  biegsam  bauen  liess.  Biegsamkeit  des  Gestells  hätte  für  Drachen  manche  Vortheile  —  besonders ­
  ist  da  die  geringere  Zerbrechlichkeit  und  bessere  Zusammenlegbarkeit  anzuführen  —  aber  der  genannte ­
  Umstand  nöthigt  uns,  diese  Eigenschaft  für  die  wesentlichen  Theile  des  Drachens  auszuschliessen.
E.  Der  Treppendrache  weicht  von  allen  mir  bekannten  Drachentypen  darin  ab,  dass  er  die  beim
NikePschen  Drachen  anscheinend  unabsichtlich  nur  unter  dem  Druck  des  Windes  auf  ein  biegsames  System
*)  Die  Querstange,  an  der  auf  Fig.  IV  die  beiden  Männer  den  Drachen  emporlieben.
            
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