W. Koppen: Erforschung der freien Atmosphäre mit Hülfe von Drachen.
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wiederholt besprochen. In Amerika, wo dieser Drachentypus durch einen Aufsatz für den Aeronautischen
Kongress in Chicago 1893, und durch einen zweiten im „American Engineer“ im April 1895 bekannt wurde,
hat sich dieser Drache seit August 1895 schnell Bahn gebrochen. Von dessen unzähligen Modifikationen
will ich hier nur Hargrave’s eigene neueste Form, sodann die auf den Stationen des Washingtoner „Weather
Bureau“ eingeführte und die neueste der auf dem Blue Hill angewandten Formen, sowie endlich die ab
weichendste, der wir zugleich einige der schönsten Aufstiege verdanken, nämlich den Lamson-Drachen
beschreiben.
Der Hargrave-Drache, vom Erfinder „Zellen-Drachen“ (cellular kite) und in neuerer Zeit oft „Kasten-
Drachen“ (box leite) genannt, besteht aus zwei oder mehreren Zellen von Zeug, in der Form von Kästen
ohne Boden und Deckel (Fig. 29), die in verschiedener Weise durch Rahmen gespannt erhalten und mit
einander verbunden sind. In Hargrave’s eigener Form*) besteht (Fig. 30) dieser Rahmen nur aus zwei Lang
hölzern, die in der Mitte des Drachens nebeneinander liegen und deren jedes die dreifache Länge der Zellen
hat, 8 Randhölzern (E) an den vier Kanten jeder Zelle, und 4 langen, sowie 8 halben'Streben (C) von plan
konvexem Querschnitt, die diagonal die unteren Randhölzer gegen die oberen Langhölzer und umgekehrt
versteifen, wie auf Fig. 30, oben rechts am Querschnitt des Drachens zu sehen ist. Die beiden Längshölzer
sind nur durch Schnüre (B) in der Mitte jeder Zelle miteinander verbunden; diejenigen in der Vorderzelle
endigen nach unten in die Schlinge (D) für die Drachenleine, nach oben in diejenige A, die zur Befestigung
weiterer Drachen beim Fliegen in Gespannen (tandem) dient. Eine „Bucht“ bringt Herr Hargrave nicht an;
die Befestigungsstelle der Leine ist weit vorne gelegen; sie wird so angegeben auf S. 10, April 1897 des
„Aeronautieal Journal“, und S. 50, Juli 1899; auf S. 53 am letzteren Orte sagt Herr Hargrave allerdings,
der beste Platz für die Anheftung der Leine sei beim hinteren Rande der Vorderzelle für starke Winde,
für leichte Winde aber „näher zur Mitte“, was jedenfalls heissen soll: zur Mitte des Drachens, also eine
auffallend achterliche Fesselung empfiehlt.
Der Drache ist ganz ohne Metall gebaut, wo feste Verbindungen im Rahmen vorhanden, sind sie durch
Laschung mit Schnüren oder Garn hergestellt; doch ist der Rahmen sehr leicht auseinander zu nehmen
und zu einer kompendiösen Rolle zu verpacken. Die Flächen sind gewölbt durch einige Rippen, die ihre
Krümmung dadurch bekommen, dass sie aus 2 oder 3 Lagen aufeinander geleimten Holzes gebildet werden,
das die Form behält, die ihm beim Leimen ertheilt wurde.
Als Beweis für die ausserordentliche Stabilität dieser Drachen führt Hargrave an, dass, als am
22. Juli 1897 im Sturme eines der Randhölzer zerbrach und ein Strebenpaar herunterfiel, der Drachen
dennoch fortführ, stetig zu fliegen.
Ein Drachen dieser Art von 8'/ 3 qm wog 5-/ ;i kg. also 0.68 kg pro Quadratmeter, „woran noch etwas
gespart werden könnte durch Anwendung leichteren Zeuges.“ Für den Rahmen verwendet Herr Hargrave
leichtes Nadelholz von Oregon, während er früher „red wood“ verwendete. Von Bambus erklärt er noch
kein Stück gesehen zu haben, dass er hätte für einen Drachen verwenden mögen.
In Washington ist das Weather-Bureau, nach Durchprobirung einer grossen Zahl von Drachenformen,
wovon Fig. 31 einige der Querschnitte (rechtwinklig zur Längsrichtung des Drachens) zeigt, ebenfalls auf
der rechtwinkligen Form des Hargrave - Drachens als der vortheilhaftesten stehen geblieben, jedoch mit
anderem'Bau des Rahmens. Prof. Marvin wurde durch theoretische Erwägungen zu der Ansicht geführt,
„dass die einfache rechtwinkelige Zelle bereits die beste Form sei, die wir als Grundlage für Zellen- und
mehrflächige Drachen haben.“ Gegen den Rahmen, wie er auf Grund von Hargrave’s Angaben durch Herrn
Potter ausgeführt worden war, hatte er jedoch einige Bedenken, vor allem gegen die losen Ränder des
Zeuges, die flatternde, wellenförmige Bewegungen des Zeuges unvermeidlich erscheinen lassen. Das Resultat
ist die Einfassung aller Zeugränder durch Stäbe, während die Diagonalstäbe von Hargrave durch zahlreiche
Drähte ersetzt werden, die diese Stäbe in ihrer Stellung zu einander erhalten. Fig. II, Tafel 2, der Instruktion
des Weather-Bureaus für seine Drachen-Beobachter*) entnommen, veranschaulicht den Normaldrachen des
Weather-Bureaus, mit dem zur Zeit, so viel hier bekannt, 17 Stationen in den Vereinigten Staaten in
mehreren Exemplaren ausgerüstet sind.
*) Vergl. Aeronautieal Journal, April 1S97, S. 10 und Juli 1S99, S. 50. Diese Form ist nach Hargrave’s eigenem Aus
spruch, aus einer endlosen Menge verschiedener hervorgegangen durch „survival of the Attest“.
**). Instruction for Aerial Observer, by Prof. Marvin. Washington 1898.. 33 S. 8°. (Circular K.)