W. Koppen: Erforschung der freien Atmosphäre mit Hülfe von Drachen.
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F. Durch Versteifung des Drachens, welche bewirkt, dass der Drache auch unter starkem Winddruck
die erforderliche vollkommene Symmetrie behält.
G. Durch Anbringung rotirender Flächen, deren Dreliungsaxe entweder in der Flüche liegt, oder
normal, oder endlich schief zu ihr steht.
Das einfachste Mittel, einem Drachen grössere Stabilität zu geben, ist immerhin A., die Hinzufügung
eines passenden Schwanzes. Die Art seiner Wirkung ist trotz seiner allgemeinen Anwendung noch ungenügend
geklärt. Das Resultat, aber ist besonders bei den Malay-Drachen in die Augen springend, da diese bei Wind
von 3'¡2 — 5 m pro Sek. ohne Schwanz leichter zum Steigen zu bringen sind und vortrefflich fliegen, bei
solchem von 5 — 6 m pro Sek. mit und ohne Schwanz ungefähr gleich gut stehen, bei stärkeren Winden aber
einen Schwanz nothwendig haben, um ihre Stabilität zu behalten und nicht herabzuschiessen, und zwar uni
so mehr, je stärker der Wind ist; mit ausgiebigem Schwanz versehen halten sich sogar kleine Malay-Drachen
von nur '/2 qm in einem Winde von mehr als 10 m pro Sek. stundenlang, wenn sie genau symmetrisch sind;
freilich ist ihre Winkelhöhe in starkem Winde kleiner als in schwachem, sie werden von diesem „herab
gedrückt“. Ob der Schwanz in der gewöhnlichen Weise aus Papierstückchen bezw. Läppchen oder aus den
Archibald’schen Kegeln gebildet ist, macht im Fluge wenig Unterschied; die ersteren sind vielleicht in der
Luft noch günstiger, am Erdboden aber sind die Kegel bequemer, weil sie sich nicht so leicht verwickeln.
Schwerere Gegenstände am Schwanz bringen den Drachen zu heftigen schaukelnden Bewegungen: man merkt
dieses besonders, wenn durch Zufall Baumzweige, Drahtreste oder dergl. beim Aufstieg sich in den Schwanz
einhaken. Das hat auch Baden Powell bemerkt, als er, in dem Glauben, seinen grossen sechseckigen Drachen
zu beruhigen, dessen Schwanz mit einem ganzen Busch beschwerte; der Drache wurde dadurch nur noch
wilder, bis er den ganzen Schwanz ab warf und nun höher stieg und ruhig flog — ein Vorkommniss, das
Baden Powell sehr überraschte und dazu veranlasste, hinfort solche Drachen ohne Schwanz aufzulassen.
Dieselbe Wirkung — starkes Schaukeln, oft auch LTmkippen und Herabschiessen des Drachens — beobachtet
man auch, wenn man das hintere Ende des Drachens durch an das Zeug angesteckte Holzleisten beschwert —
ganz im Gegensatz zur Volksmeinung, die ein schweres Hinterende des Drachens als nothwendig für seine
Stabilität ansieht und die Wirkung des Schwanzes eben in dieser Beschwerung sieht. Das Hinausrücken
des Schwerpunktes nach rückwärts vom Schnittpunkt der Leine mit dem Drachen befördert also ein unlieb
sames Pendeln. Wahrscheinlich ist dieses beim Schwanz weniger der Fall, als bei einer starren Verlänge
rung des Drachens, weil er biegsam ist und sein Gewicht auf seine ganze Länge vertheilt ist, seine Schlangen
bewegungen aber durch Luftwiderstand gedämpft werden.
Die Anbringung eines Schwanzes am Drachen hat einige, wenn auch mehr theoretische, als praktische
Uebelstände. Er vergrössert das Gewicht und den horizontalen Zug (die Trift) des Drachens, muss also
dessen Steigwinkel verkleinern; in der Praxis ist freilich diese Verkleinerung nicht auffällig. Sodann ist bei
Drachen, die einen grossen Schwanz brauchen, dieser oft nur für gewisse Windstärken passend und für
schwächere Winde zu gross, für stärkere zu klein. Man hat daher gesucht, die Anwendung eines Schwanzes
ganz zu vermeiden und hat darin guten Erfolg gehabt. Jedenfalls ist es ein gutes Zeichen für die Symmetrie
und Steifheit eines Drachens, wenn er ohne Schwanz gut fliegt; man mag aber auch in der Verwerfung des
Schwanzes hier und da unnöthig weit gegangen sein und mit Vortheil auf ihn zurückgreifen können, wenn
man durch ihn grössere Sicherheit erreicht. Bei Drachen, die an Zweigleinen in Gespannen fliegen, muss
man natürlich einen Schwanz thunlichst vermeiden, da er leicht mit der Hauptleine unklar werden kann.
Dass (B und C) schräge oder vei’tikale Flächen seitliche Schwankungen des Drachens weit kräftiger
verhindern müssen, als die auch bei Plattdrachen eintretende blosse Verschiebung des Druckpunktes nach
dem jeweils mehr nach vorne liegenden Seitenrande, ist leicht aus Fig. 12 u. 13 zu erkennen. In der normalen
Stellung des Drachens ist der Winddruck auf die Flächen a und b Null und auf die Flächen d und e gleich;
neigt aber die linke Seite des Drachens vor, so nimmt der Druck auf e rasch ab, während er auf d zu
nimmt,*) und entsteht sowohl auf a als auf b ein nach rechts gerichteter Druck, der den Drachen wieder
in die Gleichgewichtsstellung zurückbringt.
Satz C ist leicht durch Versuche mit frei fliegenden Papiermodellen zu konstatiren. Eine gewölbte
oder gebogene Fläche, deren Schwerpunkt so weit nach dem vorderen Rande zu verlegt ist, dass sie in
stabiler Weise auf schwach geneigter Bahn dahingleitet, wenn man sie mit nach unten konvexer Wölbung
*) Weil der Einfallswinkel des Windes auf d wächst, auf e abnimmt.