accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text : 24, 1901

22

Aus  dem  Archiv  der  Deutschen  Seewarte  —  1901  No.  1  —

Die  älteren  Wolkenmessungen  von  Dr.  Vettin  in  Berlin, 1 ")  sowie  die  neueren  zu  Upsala  und  Bossekop
ergeben  ebenfalls  zwischen  500  und  8000  m  Höhe  nur  geringe  Zunahme  der  mittleren  Geschwindigkeit  und
erst  oberhalb  4000  m  ein  starkes  Anwachsen  derselben.  Die  Messungen  im  östlichen  Nordamerika  haben
freilich  auch  in  jenen  Schichten  ein  starkes  Wachsthum  der  Windgeschwindigkeit  mit  der  Höhe  aufgewiesen,
allein  für  das  mittlere  und  nördliche  Europa  kann  jenes  Ergebniss  als  feststehend  betrachtet  werden  und
können  daraus  einige  wichtige  praktische  Folgerungen  gezogen  werden.
1)  Mit  der  Erreichung  einer  Höhe  von  300  —  400  m  über  dem  Boden  hat  man  den  Drachen  aus  der
unmittelbaren  Beeinflussung  der  Erdoberfläche  heraus  und  in  die  freie  Luftströmung  gebracht.  Nun,  wo  er
den  Wirbeln  und  Wellen  der  untersten  Schicht  entrückt  ist  und  man  auch  kein  plötzliches  Herabfallen  in
einer  „Flaute“  zu  fürchten  braucht,  kann  man  durch  Messung  des  Zuges  und  Beobachtung  des  Drachens
eine  ziemlich  sichere  Grundlage  zur  Beurtheilung  des  weiteren  Verlaufs  des  Aufstiegs  gewinnen  und  das  zu
einem  guten  Ergebniss  erforderliche  richtige  Verhältniss  zwischen  Spannung  und  Drahtstärke  herbeiführen,
ehe  man  weiter  geht.  Dies  kann,  wenn  die  Spannung  als  für  diese  Drahtstärke  zu  gering  sich  erweist,  durch
Hinzufügung  eines  weiteren  Drachens  geschehen;  schneller  und  sicherer  aber  durch  Uebergang  zu  einer
leichteren  Drahtsorte,  denn  die  Hinzuspannung  des  neuen  Drachens  ist  oft  unmöglich,  oder  doch  zeitraubend.
2)  Wenn  es  gelungen  ist,  den  Drachen  durch  die  ersten  100  —  200  m  Höhe  hinaufzubringen,  und  er
fliegt  in  dieser  Höhe  gut,  so  geht  der  weitere  Aufstieg  bis  800  —  1000  m  fast  immer  völlig  glatt  und  schnell
von  Statten  und  hat  man.  weder  zu  geringe,  noch  zu  grosse  Windstärken  zu  fürchten.  Erst  oberhalb  dieser
Grenze  wird  durch  den  kleineren  Abgangswinkel  des  Drahtes  das  weitere  Steigenlassen  minder  lohnend,  und
mehren  sich  die  Fälle,  wo  entweder  allzu  starker  Wind  die  Drachen  gefährdet  oder  eine  Schicht  schwachen
W r indes  das  Vordringen  erschwert.  Für  häufige  kurze  Aufstiege  ist  daher  eine  Höhe  von  1000—1500  m
ein  bequemes,  leicht  zu  erreichendes  Ziel.  Drachen-Aufstiege  über  3000  m  hinaus  aber  werden  wohl  stets
sehr  gefährlich  und  nur  unter  besonders  günstigen  Umständen  durchführbar  sein,  weil  man  dorthin  nur
unter  Anwendung  sehr  hoher  Spannungen  gelangen  und  dort  gewöhnlich  Sturm  antreffen  wird.  Allerdings
ist  die  Aenderung  der  Geschwindigkeit  mit  der  Höhe  unter  verschiedenen  Umständen  ziemlich  verschieden;
doch  giebt  es  auch  schon  einige  Anhaltspunkte,  um  diese  Verschiedenheiten  zu  erkennen.  So  sagt  Teisserenc
de  Bort  in  einer  Mittheilung  an  die  Pariser  Akademie,  dass  bei  trübem  W r etter  und  niedrigem  Luftdruck
der  Wind  beträchtlich  mit  der  Höhe  zunehme,  besonders  in  der  Nachbarschaft  der  unteren  Wolken,  bei
klarem  Wetter  und  hohem  Luftdruck  aber  seine  Geschwindigkeit  im  allgemeinen  abnehme  bis  zu  einer  Höhe
zwischen  1500  und  3000  m  über  dem  Boden.  Nach  Assmann  und  Berson  (Ballonwerk,  Bd.  III,  S.  208)  war

die  Windgeschwindigkeit,

Potsdam  =

=  1  gesetzt,

0—1000  m

1000—2000  m

2000—3000  m

3000—4000  m

in  30  Fahrten  bei

westlichen

Winden.  .  .  .

1.9

2/2  ■

2.6

3.0

in  26

östlichen

,,  ....

1.6

1.6

La

1.5

Bei  östlichen  Winden  war  also  die  Zunahme  schon  in  der  untersten  Schicht  kleiner  und  hörte  sie  oberhalb ­
  1000  m  ganz  auf,  während  sie  bei  westlichen  Winden  grösser  als  das  Mittel  war.  Da  westliche  Winde
überwiegend  mit  niedrigem  Luftdruck  und  trübem  Wetter,  östliche  mit  hohem  Druck  und  heiterem  Himmel
verbunden  zu  sein  pflegen,  so  unterstützen  sich  die  obigen  Resultate  gegenseitig.  Aus  den  Zahlen  von
Pomortsef  ist  freilich  ein  solcher  Unterschied  zwischen  Cyklonen  und  Anticyklonen  nicht  erkennbar.
Hiernach  erscheint  es  zweckmässig,  wenn  ca.  500  m  Draht  abgelassen  sind  und  der  oberste  Drachen
eine  Höhe  von  3  —  400  m  über  dem  Boden  erreicht  hat,  nach  der  Spannung  in  der  Leine  zu  entscheiden,
in  welcher  Weise  der  Aufstieg  fortgesetzt  werden  soll,  und  wenn  diese  Spannung  weniger  als  '/i  der  Zugfestigkeit ­
  des  verwendeten  Drahtes  beträgt,  entweder  zu  dünnerem  Draht  überzugehen  oder  einen  Drachen
anzufügen.  Arbeitet  man  mit  Handbetrieb,  so  wird  im  allgemeinen  das  erstere  das  rationellere  sein,  da  es
keinen  Zweck  hat,  die  Arbeit  des  Einholens  über  das  direkt  Nothwendige  hinaus  zu  vermehren;  so  habe  ich
zeitweise  einen  Vorläufer  von  etwa  500m  0.8-mm-Draht  angewandt,  der  an  beiden  Enden  eine  Kausch  trägt
und  der,  wenn  der  Zug  an  seinem  unteren  Ende  sich  als  weniger  denn  28kg  (etwa  15  bis  25  kg)  erweist,
an  ein  1800m  langes  Stück  0.7-mm-Drahtes  angesetzt  wird,  bei  stärkerem  Zuge  dagegen  an  den  auf  der
zweiten  Trommel  befindlichen  0.8-mm-Draht.  Hat  man  einen  genügend  kräftigen  Motor,  so  fällt  diese  Rück*) ­
  Vgl.  Meteorologische  Zeitschrift  1SS6,  S.  337.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.