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Ans dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1901 No. 1 —
Meteorologische Instrumente sind sowohl am Erdboden als an dem Drachen vorzusehen, wenn
auch zur Vergleichung der in bedeutenden Höhen gefundenen Wertlie unbedenklich die auf der 3 km ent
fernten Zentralstelle der Seewarte gewonnenen Daten herangezogen werden konnten. Vorläufig war die
Drachenstation der Seewarte nur mit einem Anemometer (Zschau No. 110) und mit einem Schleuder-
Psychrometer ausgerüstet.
Das Anemometer diente dem praktischen Zweck, zu entscheiden, ob die Windstärke zu einem Auf
stieg, und für welche Drachen, passend sei, und auf diese Weise unnützen Zeitverlust zu vermeiden. Das
Instrument giebt nur Klingelzeichen; ist das Intervall zwischen diesen grösser als 2 Minuten, so ist die
Windgeschwindigkeit auf dem Drachenplatz weniger als 4.0 m pro Sek., auf dem Thurme der Seewarte we
niger als 6.0 m pro Sekunde, und der Versuch, einen Hargrave-Drachen ohne Vorspann emporzubringen,
hat sehr wenig Aussicht auf Erfolg. Liegt das Intervall zwischen 2 und 3 Minuten, so ist der Versuch
mit Malay- oder Treppen-Drachen noch lohnend u. s. w. Das Anemometer wird, da der Platz zu wenig
Sicherheit gegen dessen Beschädigung bietet, nur zur Messung auf eine eiserne Stange auf dem Dach der
Drehbude gesteckt. Bei der definitiven Einrichtung wird für eine weniger umständliche Art der Messung
Sorge getragen werden.
Das Psychrometer ist in der auf Fig. 92 gezeigten Weise auf einem zum Schleudern bestimmten Gestell
mit Handgriff montirt, welches 1884 nach meiner Angabe vom Herrn Franc von Liechtenstein, damals
Mechaniker der Seewarte, hergestellt worden ist. Da dieses Exemplar des Gestells nur für ein einziges
Thermometer bestimmt war, so habe ich nur das trockene Thermometer in dasselbe eingesetzt, das feuchte
ausserhalb daran gebunden, wodurch auch die Benetzung erleichtert wird. Es wurde im Schatten der Hütte
geschwungen, eine Beschirmung gegen Strahlung, wie sie die später von Herrn Prof. Schubert konstruirten
ähnlichen Gestelle gehen, hatte es nicht, da die lackirten kleinen Schutzbleche, die ich 1884 probirt hatte,
mich nicht befriedigt haben. Bei der definitiven Ausgestaltung der Drachenstation an neuer Stelle soll
einerseits ein Assmann’sclier aspirirter Urania-Meteorograph Aufstellung finden, andererseits eine Thermo
meter-Aufstellung in englischer Hütte und ein Aspirations-Thermometer in Gebrauch genommen werden.
Der Meteorograph. Die Verwendung der Drachen in der Meteorologie hat ihre Bedeutung erst
durch die Konstruktion geeigneter leichter Registrarapparate erhalten, die von den Drachen empor zu tragen
sind. Diese hat von den bewährten kompendiösen Barographen und Thermographen von Richard in Paris
ihren Ausgang genommen, indem sie unter Beibehaltung des Prinzips deren schwere Theile durch leichtere
ersetzt und sie unter Hinzufügung eines Hygrometers und z. Th. auch Anemometers zu einem einzigen In
strument für vier meteorologische Elemente verschmolzen hat. Diese Entwicklung ist an mehreren Stellen
zugleich vor sich gegangen. In Paris waren es besonders die Anforderungen der „ballons sondes“, die sie
förderten, und gingen die Konstruktionen aus der Richard’schen Werkstatt selbst hervor. Auf dem Blue Hill
wurden für die ersten Aufstiege 1894 und 95 ein leichter Thermograph und Thermo - Anemograph durch
Fergusson gebaut, später aber die entsprechenden Instrumente von Richard bezogen. In Trappes werden
die Baro-Thermographen, deren dort, für die häufigen Aufstiege der „ballons sondes“, sehr viele gebraucht
werden, auf der Werkstätte des Observatoriums aus den von Richard bezogenen Theilen zusammen gesetzt
und justirt. Für das Washingtoner Beobachtungsnetz hat Herr Marvin 1897 einen Meteorograph konstruirt.
In Berlin-Tegel werden für Drachen sowohl solche von Richard, als, in neuerer Zeit, auch solche von Marvin
angewendet; für Registrir-Ballons hat Herr Assmann ausserdem Apparate eines eigenen sinnreichen Systems
konstruirt.
Die Seewarte ist seit dem Jahre 1899 im Besitz sowohl eines Apparats von Richard, als eines solchen
von Marvin. Erstem' zeichnet nur Luftdruck, Temperatur und Feuchtigkeit auf, letzterer auch Wind
geschwindigkeit; ungerechnet Verpackung und Transport kostet ersterer 400, letzterer 600 M. Seit 1898
haut übrigens auch Richard Meteorographen mit Anemometer. Fig. XI, Taf. 4, giebt eine Photographie von
den beiden Apparaten der Seewarte.
Beide Apparate sind zum grossen Theile aus Aluminium hergestellt. Die inzwischen entdeckten Le
gierungen desselben, Magnalium und Partinium, werden wahrscheinlich auch in dieser Fabrikation einen
Fortschritt bedeuten; sie werden es ermöglichen, diese Instrumente bei gleicher Festigkeit noch merklich
leichter zu machen und die Herstellung durch ihre leichtere Bearbeitung verbilligen. Bei beiden Apparaten
befindet sich die Uhr in der Trommel, die das Registrir-Papier trägt.