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Jahresbericht der Deutschen Seewarte für 1929.
Die Flugberatung erfolgte auf Grund der synoptischen Wetterkarten von
8, 11 und 14 Uhr, die durch Streckenmeldungen ergänzt wurden. Während die
11 Uhr- und 14 Uhr-Wetterkarte die üblichen Flugwetterkarten waren, umfaßte
die 8 Uhr-Wetterkarte fast ganz Europa; in sie wurde die von Dr. Dinekelacker-
Stuttgart vorgeschlagene Wolkendarstellung eingetragen. Diese Karte diente im
übrigen nicht zur Beratung der Flugzeugführer, denen erst an Hand der
11 Uhr- bzw. 14 Uhr-Wetterkarte die Kenntnis der Wetterlage übermittelt zu
werden brauchte. Die Erwartungen, die an diese 8 Uhr-Wolkenkarte geknüpft
wurden, sind nicht ganz in Erfüllung gegangen. Das liegt aber weniger an der
besonderen Art der Wolkendarstellung, als daran, daß verschiedene Beobachter
die an und für sich gleiche Wolkenart verschieden benennen; ein weiterer Nach
teil scheint zu sein, daß diese Karten eine allzu starke dynamische Auffassung
der Wetterlage betonen.
Auf den von der Flugwetterwarte Stettin beratenen Strecken erfolgte während
der Berichtszeit nur eine Notlandung, und zwar wegen Nebels bei Hiddensee,
nicht ohne daß der Pilot vor einer starken Sichtverschlechterung gewarnt worden
war. In zwei Fällen mußten die Maschinen wieder zurückkehren, worunter ein
Fall eingeschlossen ist, wo der Flug entgegen dem Anraten der Flugwetterwarte
angetreten wurde.
Am 1. Juli 1929 wurde die Nachtpostflugstrecke Stralsund—Stockholm ein
gerichtet. Es fanden in Stralsund 83 Nachtstarte (vor 0600 Uhr) und 19 Tages
starte statt; zwei Flüge fielen wegen Wetters aus, sechs Notlandungen wurden
nötig. Mit der Beratung der Strecke Stralsund—Stockholm konnte aus Personal
mangel die zuständige Stettiner Flugwetterwarte entgegen den Wünschen der
Deutschen Luft Hansa und der Flugzeugführer nicht betraut werden, obwohl
sachliche und organisatorische Gründe sogar für die zeitweilige Einrichtung
einer Nebenstelle in Stralsund sprachen. Die Piloten dieser Nachtstrecke sowie
die Flugleitung empfanden die fernmündliche Beratung von Berlin als Rückschritt.
c) Wetterwarte Hannover.
1. Personal und Änderungen desselben.
Im Winter 1929 war die Wetterwarte Hannover außerordentlich von Per
sonal entblößt. Seit dem 1. Dezember schon nahm Dr. Kantzenbach an dem
winterlichen Kursus für Flugplatzmeteorologen in Darmstadt unter Herrn Prof.
Dr. Georgii teil. Der Kursus dauerte bis Mitte Februar. Vom 5. Januar bis
5. März führte Dr. Eckardt die 10. Forschungsfahrt der Deutschen Seewarte hinaus
nach Westafrika (Sierra Leone). Als Ersatz für beide wurde der Flugmeteorologe
Dr. Bell aus Stettin von Mitte Dezember bis Ende Februar hierher kommandiert.
Die Finanznot des Reiches im Jahre 1929 führte zu Einschränkungen im
Luftverkehr, die auch Einschränkungen im Personalbestand der Flug weiter warte
Hannover zur Folge hatten, indem eine Flugmeteorologenstelle gestrichen wurde,
so daß Dr. Eckardt auf der Flugwetter warte Hamburg-Fuhlsbüttel vom 12. Juni
bis 15. Juli infolge des dortigen Nachtdienstes aushelfen mußte. Vom 15. Juli
bis 1. Oktober weilte dann Dr. Kantzenbach in Island als wetterberatender
Meteorologe des dortigen Sommer-Luftverkehrs der Deutschen Luft Hansa. Am
15. Oktober endlich wurde Dipl.-Ing. Baumann von Hannover zur Flugwetter
warte Hamburg-Fuhlsbüttel versetzt.
Am 1. November verließ Fräulein Schnee ihren hiesigen Posten, um die
Stenotypistinnen-Stelle beim Seeflugreferat in Hamburg anzunehmen. Am
15. November wurde Fräulein Emmy Ilse als Stenotypistin neu eingestellt.
Der bisher von der Flugpolizei der Wetterwarte freundlicherweise zur
dienstlichen Verfügung gestellte und als Funker verwendete Ober Wachtmeister
K. Näther schied im September aus dem Polizeidienst aus; er wurde von der
Deutschen Seewarte als Funker für den öffentlichen Wetterdienst übernommen.
2. Räumlichkeiten, Instrumente, Bücherei.
In den Räumlichkeiten der Wetterwarte auf dem Flugplatz Vahrenwalder-
heide ist keine Änderung eingetreten. Sie erweisen sich immer mehr als zu