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Aus dem Archiv der Deutschen Seewai-te — 1896 Xo. 4 —
andeutend, wie in der Mitte die Bewegung am schnellsten vor sieh geht. Der Hagel fällt nie in langen,
schmalen Strichen, sondern stellenweise in den Parabelscheiteln.
Wie sind jetzt die beobachteten Erscheinungen aus der Wirbeltheorie zu erklären? Der aufgethürmte
Cumulus mit seinen blendend weissen Kuppen kennzeichnet die Kondensation in der kräftig aufsteigenden
Luftmasse. Bereits Goethe nannte bekanntlich den Cumulus das sichtbare Kapital der unsichtbaren Säule
aufsteigender Luft. Die Kondensation macht Wanne frei in der Wolke; auf diese Weise wird die mit zu
nehmender Höhe sich mindernde Steigkraft von neuem verstärkt. Höher und höher di'ingt die Wolkenmasse
empor, bis zuletzt die Kuppe gleichsam auf berstet und die Dunstmasse von jenem Punkte sich schichtweise
ausbreitet. Dann fängt es auch unter dem Cumulus zu regnen an. Schopenhauer 101 ) sagte: „Jede
Wolke hat eine Kontraktilität. Diese erhält dadurch einen schärferen Kontour und überhaupt ein massiveres
Ansehen; so im Cumulus: ein solcher wird nicht leicht regnen.“ Diese Kontraktilität ist der Druck der
umgebenden Luft; kommt die Wolke so hoch, dass die Expansion grösser wird als dieser Druck, so fliesst
die Cumulus-Kuppe aus. Diese scliichtenweise sich ausbreitende Wolkenmasse bildet die vorangehende Cirro-
stratus-Decke oder den falschen Cirri-Schleier. An dem Umfang des Cumulus und hauptsächlich an dessen
vorderem Bande entstehen die Wirbelungen. Diese Bruchstücke der Wirbelringe entfernen sich mit zu
nehmender Höhe mehr und mehr vom Cumuluskörper und werden dabei nach und nach gelöst. Die ersten
Vorläufer bilden die kleinen, schwarzen, losen, vorüberziehenden Wolken, nachher die Gewitterwolke selbst.
Solange diese Aufeinanderfolge von theils in Auflösung begriffenen, tlieils sich bildenden Wirbeln über den
Beobachtungsort hinwegzieht, dauert das Gewitter, bei jedem abziehenden oder sich auflösenden Wirbel
schwächer werdend, dagegen beim Herannahen oder bei Neubildung wieder an Intensität wachsend. Aus
diesem Vorgang erklärt sich auch das sprungweise Fortrücken dieser Gewitter. Der noch an Intensität
wachsende Wirbel verursacht Gewitter über weiter in nordöstlicher Lichtung liegenden Gegenden, dagegen
fängt das Gewitter am Orte selbst erst in Folge eines nachfolgenden Wirbels an. Jeder Wirbel hat einen
Windstoss und Rechtsdrehung des Windes zur Folge, welche die resultirenden Bewegungen des schwachen
nordöstlichen Windes sind mit der ziemlich aus derselben Richtung wirkenden Komponente, verursacht von
der an der Unterseite des Wirbels nach dem Minimum gerichteten Bewegung. Der Windstoss kommt also aus
derselben Gegend, wie die vorherwehende schwache Strömung, und nicht dieser entgegengesetzt, wie bei der
Böe. Der Windstoss und die Barometerstörung sind schwach, die Abkühlung auf der Erde nur wenig
merkbar, weil der Wirbel hoch ist. Unter der in der Bahnrichtung weit ausgedehnten Wolkendecke herrscht
in grosser Entfernung ziemlich die gleiche Temperatur. Das Wärmegewitter hat also nicht seinen Sitz in
einem einzigen kräftigen langgestreckten Wirbel, welchem bisweilen einige schwächere folgen, wie bei der
Böe, und deshalb fällt der Hagel auch nicht aus einem und demselben Tlieile des Wirbels strichweise auf die
Erde, wenn der ganze Wirbel senkrecht zu seiner Längsausdehnung von der unteren Strömung fortgeschleppt
wird, sondern das Wärmegewitter besteht aus einer Reihe zusammengesetzter, in die Höhe steigender und
dabei divergirender Bruchstücke von Wirbelringen, welche theils in Auflösung, theils in Bildung begriffen
sind, lind wo stellenweise die Intensität eine dieser gewissen Grenzen überschreitet, fällt Hagel herab. In
Betreff der parabelförmig gestalteten Isochronen sei bemerkt, wie bereits bei den Böen ausführlich aus
einandergesetzt ist, dass das Gewitter am schnellsten da fortschreitet, w r o die kräftigste Wirbelung statt
findet, also im Parabelscheitel vor dem Minimum.
Diese Gewitter treten in den Niederlanden am meisten auf in den Monaten August und September.
Zu diesen Gewittern können auch diejenigen gerechnet werden, welche in den Monaten Oktober bis Dezember
in den österreichischen Alpen Vorkommen.
Nach Prohaska 102 ) gehen sie einem Minimum voran, welches über die Bahn V« und Vt> des Köppen-
B ebb er’sehen Schemas fortschreitet. Wenn diese Minima, von Cirri angekündigt, noch in Südwestfrankreich
verweilen, dreht sich in Steiermark der Südwind nach SW, welcher hauptsächlich in höheren Schichten
(Hoch-Obir) kräftig weht. Erreicht das Minimum den Golf von Genua oder das Po-Thal, so fängt es an
dem Südabhange der Alpen zu regnen an. Erscheint es in seinem weiteren Laufe in dem nördlichen Tlieile
des Adriatischen Meeres, dann wird der Regen kräftig und damit auch der SW-Wind auf dem Hoch-Obir
auf der Erde dreht der Wind zurück nach Osten. Zuletzt erscheinen in einem niedrigen Niveau einige zer
bröckelte Wolken, welche mit scheinbar grosser Geschwindigkeit von SW nach NE ziehen. Bald werden
sie häufiger, kompakter und bilden zuletzt eine zusammenhängende Wolkendecke, aus welcher es regnet,
blitzt und donnert (Gewitter in Steiermark, 21./22. Dezember 1886).