accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text : 19, 1896

E.  Engelenburg,  C.  I.:  Aerodynamische  Theorie  der  Gewitter.

49

Archiv  1S96.  4.

warmer,  feuchter  Luft  in  einer  ihn  umgebenden  kälteren  Atmosphäre.  Das  Ganze  ist  zu  vergleichen  mit
einer  von  einer  Flüssigkeit  durchströmten  Röhre.  Erreicht  die  Strömungs-Geschwindigkeit  einen  gewissen
Betrag,  abhängig  von  dem  Durchmesser  der  Röhre  und  der  Rauhigkeit  der  Rohrwand,  so  tritt  Wirbelung  ein.
In  der  Naturerscheinung  ist  die  steife  Rohrwand  eine  elastische,  von  der  umgebenden  Luft  gebildet.  Da,
wo  diese  Wand  den  grössten  Gegendruck  leistet,  ist  die  Reibung,  d.  h.  das  Eindringen  und  Mischen  der
äusseren  Luft  am  grössten,  und  da  tritt  zuerst  Wirbelung  ein.  Unter  dem  zweiten  der  hier  angeführten
Umstände  ist  dies  vorne  der  Fall;  ist  das  Minimum  in  einem  Luftstrom  gebettet,  dann  wird  dagegen  die
Wirbelung  hinten  zuerst  eintreten.  Doch  immer  ist  die  Wirbelung  linksdrehend  und  also  die  Bewegung  an
der  unteren  Seite  nach  dem  Zentrum  hin  gerichtet.
Geben  wir  wieder  zuerst  eine  kurze  Beschreibung  der  beobachteten  Erscheinung.  Bei  sehr  gleichmässig
  vertheiltem  Luftdruck,  zusammen  mit  Windstille  oder  schwachem,  verschieden  gerichtetem  Winde,
herrscht  heiteres,  warmes  Wetter.  In  südwestlicher  Richtung  befindet  sich  in  grosser  Entfernung  ein  kleines
Luftdruck-Minimum  mit  nur  kaum  oder  gar  nicht  wahrnehmbarer  cyklonaler  Windverth  eil  ung;  dieses  Minimum
rückt  mit  grosser  Geschwindigkeit  entweder  aus  Frankreich  oder  auf  der  Bahn  IV  b  heran.  Die  ersten
Kennzeichen  für  einen  gesondert  stehenden  Beobachter  sind  kleine  Cirri  oder  Cirro-cumuli,  bald  von  einem
lichtgrauen  Cirro-stratus-Schleier  gefolgt.  Dann  erscheinen  auch  bereits  am  südwestlichen  Horizont  mächtige ­
  Cumuli  mit  blendend  weissen  Kuppen.  Ist  die  Dunkelheit  schon  eingetreten,  dann  wird  der  südwestliche ­
  Theil  des  Himmels  nahe  dem  Horizont  von  schnell  aufeinanderfolgenden  Blitzen  erleuchtet.  Diese
Cumuli  ziehen  mehr  und  mehr  heran;  die  Kuppen  bilden  sich  stets  um;  der  Schleier  wird  dichter.  Die
Hitze,  welche  schon  lange  vorher  gross  war,  wird  noch  drückender;  der  Wind  dreht  sich  langsam  nach
Nordosten  zurück.  Tief  unter  dem  Schleier  schweben  kleine  dunkle  lose  Wolken  mit  grosser  Geschwindigkeit ­
  von  SW  nach  NE.  In  diesen  sind  deutlich  die  Trümmer  wulstförmiger  Wolkengebilde  erkennbar.  Anfangs ­
  ziehen  sie  in  grosser  Entfernung  unter  einander  vorüber;  ihre  Zahl  sowie  ihre  Grösse  mehren  sich
rasch  und  dann  fängt  ihr  Vorübergang  an,  sich  zu  kennzeichnen  durch  schwache  Windstösse  und  Umspringen
des  Windes.  Bald  ist  das  ganze  Himmelsgewölbe  von  schweren  Wolkenmassen  verdeckt.  Der  Donner,  welcher
schon  während  einer  halben  Stunde  anfangs  schwach,  doch  stets  deutlicher  hörbar  ist,  dröhnt  in  laut  rollenden ­
  Schlägen  durch  die  Luft;  helle  Blitze,  schlängelnd  und  horizontal,  durchzucken  die  Luft.  Der  Regen,
anfangs  schwach,  wird  stets  heftiger  und  geht  zuletzt  in  Platzregen  über.
Das  Gewitter  kommt  also  nicht,  wie  die  Böe,  auf  einmal  schnell  zur  Stelle,  sondern  nach  und  nach.
Die  erste  Phase  des  eigentlichen  Gewitters  am  Orte  der  Beobachtung  nämlich,  wenn  der  Regen  herunterfällt, ­
  ist  keineswegs  so  intensiv,  wie  bei  den  Böen,  auch  ist  sie  keineswegs  die  kräftigste  der  ganzen  Erscheinung. ­
  Während  längerer  Zeit  bleibt  das  Gewitter  an  einer  Stelle,  es  wird  abwechselnd  schwächer  und
stärker,  bis  das  Phänomen  in  sanftem,  bald  endigendem  Regen  aufgelöst  ist  und  am  nordöstlichen  Horizont
verschwindet,  dann,  manchmal  noch  während  des  Failens  des  Regens,  ist  die  Sonne  auch  wieder  hervorgebrochen. ­
  Jede  Verstärkung  der  Erscheinung  giebt  sich  kund  in  allen  Elementen:  hellere,  schnell  aufeinanderfolgende ­
  Blitze,  lauteres  Getöse  des  Donners,  grössere  Intensität  des  Regens,  stellenweise  von  Hagel
begleitet,  Windstösse  mit  rechtsdrehendem  Wind.  Das  Eintreffen  erfolgt  bisweilen  mit  Abkühlung  zusammen,
welche  jedoch  geringer  ist,  als  bei  den  Böen.  Bei  den  nächtlichen  Gewittern  sinkt  die  Temperatur  schnell^
doch  erst  nach  dem  Vorübergang  des  Gewitters;  während  des  Tages  wird  diese  Abkühlung  von  der  wieder
hervorbrechenden  Sonne  kompensirt.  Die  Luftdruckstörung  zeigt  niemals  den  Charakter  einer  einzigen
Druckstufe,  sondern  eine  Reihe  manchmal  kaum  wahrnehmbarer  Hübel,  abgeschlossen  von  einer  kleinen
Senkung  und  Hebung,  welche  den  Vorübergang  des  auf  das  Gewitter  folgenden  Minimums  andeutet.
Die  Zeitangaben  der  verschiedenen  Stationen,  in  eine  Karte  eingetragen,  lassen  deutlich  erkennen,  dass
das  Gewitter  nicht  ganz  regelmässig  fortschreitet.  Zwar  bewegt  es  sich  der  Hauptsache  nach  in  der  Richtung
des  folgenden  Minimums,  jedoch  derart,  dass  das  Gewitter  sich  bereits  mit  Regen  über  einem  Orte  entladet, ­
  wenn  es  in  südwestlich  gelegenen  Gegenden  noch  nicht  zum  Losbrechen  kam.  Das  Gewitter  scheint
über  gewisse  Gegenden  zu  hüpfen,  wohl  tritt  es  auch  hier  auf,  jedoch  später.  Muthmaasslich  gehören  hierzu
auch  Ferrari’s  „temporali  a  salte’ 1 .  Im  Vergleich  mit  den  Böen  ziehen  die  Wärmegewitter  mit  schmaler
Front  vorwärts.  Das  Terrain,  über  welches  das  Gewitter  hingezogen  ist,  zeigt  die  Form  eines  breiten
Bandes,  dessen  Längenausdehnung  in  die  Bewegungsrichtung  fällt.  Die  Isochronen,  statt  etwas  geschlängelte, ­
  der  Hauptsache  nach  jedoch  unter  sich  parallele  Linien,  wie  bei  den  Böen,  sind  parabelförmig.
Die  Scheitel  liegen  in  der  Mitte  der  Gewitterzone  unter  einander  in  grösserer  Entfernung  als  die  Flügel,.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.