accessibility__skip_menu__jump_to_main

Volltext : 19, 1896

E.  Engelenbur<z,  C.  I.:  Aerodynamische  Theorie  der  Gewitter.

37

In  der  Nordsee  liegt  ein  fortwährend  tiefer  werdendes  ausgedehntes  Luftdruck-Minimum,  an  dessen
südöstlicher  Seite  ein  Gebiet  hoher  Temperatur  und  ein,  durch  eine  Ausbuchtung  der  Isobaren  angedeuteter,
schwach  aufsteigender  Luftstrom  entsteht.  Die  Erwärmung  dieses  Theiles  nimmt  stark  zu  und  so  entwickelt
sich  in  Verbindung  mit  dem  Hauptminimum  ein  Strich  oder  eine  Rinne  niedriger  Barometerstände.  Bei  der
weitergehenden  Bewegung  nach  NO  des  Hauptminimums  dreht  sich  diese  Furche  niedrigen  Druckes  um  das
Hauptzentrum  in  einer  der  Bewegung  der  Uhrzeiger  entgegengesetzten  Richtung.  An  der  Ost-  (Vorder-)
Seite  dieser  trogförmigen  Rinne  entwickelt  sich  nach  und  nach  ein  schwacher  südlicher  bis  südöstlicher
Luftstrom,  welcher  aus  dem  Inneren  des  Festlandes  stammend  die  Temperatur  noch  mehr  zum  Steigen
bringt.  An  der  Rückseite  wird  der  da  unter  Einfluss  des  Hauptminimums  wehende  SW-Wind  von  dem
strichförmigen  Minimum  stark  angezogen  und  nach  W  und  NW  abgelenkt.  Diese  kalte,  schwere  Luft,  welche
bei  dem  Fortgang  des  Minimums  immer  mehr  aus  NW  stammend  und  deshalb  einen  immer  grösser  werdenden ­
  Gegensatz  mit  der  warmen,  feuchten,  südöstlichen  Strömung  bilden  wird,  senkt  zur  Erdoberfläche  und
drängt  die  warme,  feuchte  Luft  in  die  Höhe.  Dieser  Vorgang  ist  die  eigentliche  Veranlassung  zur  Bildung
der  Gewitterböe.  Die  ganze  Erscheinung,  obschon  am  intensivsten  im  südöstlichen  Quadranten  des  Minimums, ­
  ist  nicht  uotlnvendig  hieran  gebunden,  doch  in  der  ganzen  rechten  Hälfte  möglich.  So  zum  Beispiel
trat  die  Eurydice-sijuall  am  24.  März  1878  rechts  und  hinter  dem  Minimum  auf.  Im  südöstlichen  Quadranten
wird  der  Gegensatz  der  Luftmassen  vor  und  hinter  der  Druckfurche  hauptsächlich  von  der  warmen,  feuchten,
südöstlichen  Strömung  gebildet,  welche  dabei  fortwährend  eine  Neubildung  der  Erscheinung  veranlasst  An
der  westlichen  Seite  des  Hauptminimums  ist  es  hauptsächlich  der  kalte,  trockene  NW-Wind,  der  den  Gegensatz ­
  bildet.  Die  ganze  Erscheinung  hat  ihren  Sitz,  wie  Koppen  gelehrt  hat,  in  den  untersten  Schichten
der  Atmosphäre.  In  grösseren  Höhen  bleibt  die  allgemeine  Luftzirkulation  unter  Einfluss  des  Hauptminimums
ungestört.  Wir  finden  also  an  der  Rückseite  der  Fluche  niedrigere  Barometerstände,  nach  der  Gestalt  der
Isobaren  auch  V-förmige  Depression  genannt,  unmittelbar  auf  der  Erdoberfläche  ein  kalter  Luftstrom  mit
einer  Frontbreite  von  vielen  Meilen  in  die  warme,  feuchte,  schwach  steigende  Luftmasse  eindringend.  An
dem  vorderen  Rande  dieser  Strömung,  gebettet  in  ihrem  oberen  Tlieile,  entsteht  ein  horizontaler  Wirbel,
bisweilen  von  einigen  kleineren  gefolgt.  Diese  bilden  den  Sitz  der  Erscheinung.
Bevor  wir  diese  Analyse  weiterführen,  müssen  wir  die  Erscheinung  beschreiben,  wie  sie  sich  an  einem
heiteren,  schwülen  Tage  mit  massigem  oder  schwachem  Winde  dem  Beobachter  zeigt  und  von  seinen  Instrumenten ­
  aufgezeichnet  sind.
Anfangs  erscheinen  kleine,  sogenannte  falsche  Cirri  am  westlichen  Himmel;  bald  wird  da  der  ganze
Himmel  mit  Cirro-cumuli  und  später  mit  einem  sich  ausbreitenden  Cirro-stratus-Schirm  überzogen,  bis  zuletzt
unter  dieser  immer  dichter  werdenden  Decke  eine  grosse  wulstförmige  dunkle  Wolkenmasse  mit  grosser
Geschwindigkeit  zum  Zenith  hinaufzieht.  Vom  Perspektiv  gekrümmt  erscheint  dieser  kompakte,  beinahe
schwarze  Wolkenwulst  wie  ein  grosser  Bogen  mit  den  beiden  Schenkeln  auf  dem  Horizont  ruhend.  Der
vom  Bogen  umschlossene  Theil  des  Himmels  zeigt  eine  gleichmässige  lichtgraue  Farbe.  Dies  ist  das  sogenannte ­
  Regensegment.  Beim  Herannahen  des  Wolkenwulsts  zeigt  sich  die  ganze  Masse  in  heftiger  Bewegung, ­
  und  zwar  ist  der  eigentliche  Bogen  scharf  begrenzt,  doch  jagen  etliche  kleinere  lose  Wolkenfetzen
an  der  unteren  Seite  nach  vorne,  an  der  Vorderseite  nach  oben,  noch  tiefer  wirbeln  die  vom  herannahenden
Sturmwinde  aufgepeitschten  Staubmassen  durch  die  Luft.  Die  Finsterniss  mehrt  sich  stark  und  in  dem
Augenblicke,  wo  der  Wolkenwulst  durch  den  Zenith  eilt,  unterbricht  ein  starker  westlicher  Windstoss  die
herrschende  Stille,  bisweilen  von  Orkankraft  mit  verheerenden  Wirkungen  begleitet.  Der  Sturmwind  dauert
nur  kurze  Zeit,  8  bis  15  Minuten,  und  nach  dem  ersten  kräftigen  Stoss  mindert  er  sich  schnell.  Zu  gleicher
Zeit  mit  dem  Sturmwind  fallen  einige  grosse  Regentropfen,  welche  sehr  bald  in  einen  wahren  Platzregen
übergehen;  dann  wird  es  auch  merklich  heller.  Der  tiefliängende  Wolkenkragen  ist  am  Zenith  vorüber.
Aus  der  darauffolgenden  höheren  grauen  Wolkendecke  fällt  der  Regen  in  Strömen  nieder.  Zwar  ist  es
lichter  geworden,  doch  jetzt  ist  die  Fernsicht  vom  fallenden  Regen  genommen.  Die  Intensität  des  Regens
ist  örtlich  in  dem  Wolkenwulst  sehr  verschieden  und  geht  bisweilen  ganz  in  Hagelschlag  über.  Kommt  solch
ein  Theil  über  den  Beobachtungsort,  dann  folgt  unmittelbar  auf  den  Windstoss  ein  Hagelschlag,  welcher
erst  nach  einigen  Minuten  in  Regen  übergeht.  Kurz  nach  dem  Losbrechen  des  kräftigen  Regens  erscheinen
auch  die  Blitze  über  dem  Beobachtungsort.  Auch  diese  sind  lokal  und  mit  der  Zeit  sehr  verschieden  an
Intensität.  Bisweilen  unterbleiben  sie  stellenweise  gänzlich  oder  es  werden  nur  schwache  Donnerschläge
nach  dem  Vorüberziehen  des  Wolkenkragens  gehört,  so  z.  B.  am  9.  August  1881.  Ein  anderes  Mal  folgt
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.