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Full text: 19, 1896

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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1S',)G Xo. 4 — 
Richtung wie der Wind oder in entgegengesetzter Richtung oder senkrecht zur Windrichtung. Einige Ge 
witter sind von Hagel begleitet, und dieser besteht das eine Mal aus mehr oder weniger kompakten Schnee 
massen, das andere Mal aus harten Eiskörnern von Erbsen- bis Faustgrösse und von sehr verschiedener 
Form und Struktur. Die Dauer des Gewitters wechselt von einigen Minuten bis zu Stunden. Es giebt 
Gewitter, welche eine ganze Umwälzung im Witterungszustand verursachen, und solche, welche nur vorüber 
gehend das Wetter ändern. Schliesslich giebt es Erscheinungen in der Atmosphäre, welche mit verschie 
denen der angedeuteten Phänomene Zusammengehen, ohne dass jedoch Blitz oder Donner beobachtet wird. 
Aus allen diesen Gründen kann von einer einzigen Dehnition vorläufig keine Rede sein. 
Nachher werden wir die Gewitter in drei Haupttypen eintheilen und jeden Typus in seiner allgemeinsten 
Form beschreiben, sowohl in den einleitenden, als in den begleitenden Erscheinungen und den Folgen, und 
wir werden andeuten, wie diese Phänomene sich aus einer einzigen Ursache erklären lassen. 
Wir können bereits das meteorologische Problem zerlegen in zwei andere, in ein physikalisches und 
ein ärodynamisches, und dann drängt sich von selbst die Frage auf: Welchem dieser zwei Tlieile gebührt 
der Vorrang. Sind es die ärodynamischen Vorgänge, welche die physikalischen Prozesse verursachen oder 
umgekehrt. Die Beobachtung lehrt, dass es eine Menge Erscheinungen in der Atmosphäre giebt, welche in 
vielen Hinsichten, hauptsächlich von der mechanischen Seite betrachtet, einem Gewitter gleich sind, bei 
welchen jedoch der intensivste physikalische Prozess, die elektrische Entladung fehlt. Der Blitz kann also 
unmöglich das primäre Element sein, er ist vielmehr als ein hinzukommendes zufälliges Ereigniss, als die 
höchste und kräftigste Kundgebung der atmosphärischen Vorgänge zu betrachten. Dasselbe, obschon in 
geringerem Maasse, kann auch von den übrigen physikalischen Prozessen behauptet werden. Hagel ist kein 
nothwendiger Begleiter des Gewitters, auch ist Hagel ohne Gewitter vorkommend, doch geht schwerer 
Hagelschlag immer mit heftigem Gewitter zusammen. Regen ist ein mehr beständiger Begleiter des Ge 
witters. er ist unmittelbar nach der Temperatur-Erniedrigung die erste Aeusserung der physikalischen Pro 
zesse. Doch bisweilen fehlt auch der Regen bei solchen Erscheinungen. welche trotz des Nichtvorhanden 
seins der elektrischen Entladung durch Wind - Luftdruck, Temperatur- Aenderungen und Wolkenform an 
Gewitter erinnern. 
Die hier sogleich mitzutheilende Gewittertheorie ist entstanden aus Versuchen, die mechanische Seite 
des Problems zu erklären, d. h. den Windstoss und die Winddrehung, Druckstufe und Fortpflanzung, und 
sie hat sich speziell bei den Böen und den noch unbekannten Sturmgewittern stichhaltig erwiesen. Nicht 
nur, dass diese Theorie die Gewittererscheinungen im allgemeinen erklärt, sondern auch auf jedes einzelne 
Gewitter angewendet, erwies sie sich sehr nützlich, indem die Gesetze, welche die theoretische Hydrodyna 
mik für die rotatorische Bewegung feststellte, sofort anwendbar waren. 
Die Erklärung lautet in wenigen Worten: Der Kern eines Gewitters ist ein Luftwirbel mit 
horizontaler Achse. Sie giebt unmittelbar die Erklärung der schnellen Temperatur-Erniedrigung im 
Anfang der Erscheinung. Im Zentrum des Wirbels, d. h. auf meist geringer Höhe in der Atmosphäre, 
entsteht in Folge der rotiienden Bewegung eine Luftverdünnung, zusammen mit einer beträchtlichen dyna 
mischen Abkühlung, welche sich der Umgebung mittheilt, und wenn der Wirbel bis oberhalb des Beobach 
tungsortes fortgeschritten ist, sich auf der Erde fühlbar macht. Es verdient Beachtung, dass die beste der 
auf physikalischem Wege abgeleiteten Gewittererklärungen, bis zur allerersten Ursache hinaufsteigend, als 
Anfang des Gewitterprozesses eine schnelle Abkühlung in der Atmosphäre bezeichnen. Die ärodynamisclie 
Theorie erklärt, wie diese Abkühlung entsteht. 
Am deutlichsten hat Mühry 84 ) diesen Anfang durch Temperatur-Erniedrigung ausgesprochen. Nur 
wenige Wochen vor seinem Tode schreibt Mühry an Giro Ferrari, indem er wie mit Seherauge die 
logischen Folgen zieht aus den italienischen Gewitterstudien: „Es ist wohl kaum länger zweifelhaft, dass 
die Gewitter im allgemeinen parallel gehen mit der Temperatur, sowohl in ihrer täglichen, wie jährlichen 
und wie geographischen Vertheilung, vorausgesetzt, dass die Atmosphäre auch reichlich Wassergas enthält, 
auf dessen im Aufsteigen begriffener nebeliger Oberfläche die Elektrizität sich sammelt , differenzirt und 
sich in Blitzen entladet. Vorbedingung oder der Anfang des Prozesses aber ist eine plötzliche, sehr be 
trächtliche Erniedrigung der Temperatur in der Höhe dort oben. Und es fragt sich vor allem: Was ist 
deren Kausation? Ich finde mich bestärkt in der Ansicht, es entsteht eine Ausdehnung der nebelerfüll 
ten Atmosphäre und in Folge davon Erkaltung, auch eine geringe Minderung des Luftdruckes, w r elche sonst 
unerklärlich ist, während Regen, Schnee und Hagel sich einstellen.“ Und am Ende dieses Briefes: „Was
	        
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