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Full text: 19, 1896

E. Engelenburg, C. L: Aerodynamische Theorie der Gewitter. 27 
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wenn man sich von der landläufigen Ansicht: „Wind ist Folge der Luftdruck - Unterschiede auf der Erd 
oberfläche“ frei macht, kann man die unseres Erachtens allein zulässige Erklärung, wie sie später gegeben 
werden soll, aufstellen. 
„Selten ist aber der Entwickelungsgang einer Wissenschaft ein gleichförmiger und stetiger“, sagt 
Sprung, „es pflegen vielmehr extreme Anschauungen einander abzulösen; und so dringt denn auch gegen 
wärtig schon vielfach die Ueberzeugung durch, dass man zu weit gegangen sei, als man den Einzelsystemen 
die alleinige Herrschaft über die Luftbewegung höherer Breiten zuerkannte.“ Man wendete sich von neuem 
zu Problemen der allgemeinen Luftzirkulation, welche zuletzt von Dove vertheidigt, nur noch gleichsam 
insgeheim von Ferrel, dem geistigen Urheber des barischen Windgesetzes, ja der ganzen modernen Meteoro 
logie, gepflegt wurden. Diese neue Aera fängt in Europa ungefähr im Jahre 1885 an, als durch Sprang’s 
Arbeiten die Untersuchungen Ferrel’s mehr ans Licht gezogen waren. Sie fällt also zusammen mit der Zeit, 
als auf dem Gebiete der Gewittererklärung ein Stillstand eingetreten war, und dies erklärt theilweise, wie 
dieser besondere Zweig der Meteorologie noch wenig Vortheil aus diesem Fortschritt davongetragen hat. 
Erst ein Mathematiker, wie de Marchi, welcher das Problem als ärodynamisches auffasst, als eine 
Erscheinung in der Atmosphäre, befreit von der Erdoberfläche und von allerhand meteorologischen Theorien, 
thut einen grossen Schritt auf der guten Bahn. Doch auch in seiner Theorie ist der Einfluss der Minima- 
Theorie wahrzunehmen, indem er den Gewittern ähnlich wie den Cyklonen ausschliesslich eine Fortschreitung 
durch Uebertragung der Bewegung zuschreibt. Die zehnfach grössere Geschwindigkeit (100 m pr. Sekunde), 
welche er anfangs für die Wellenbewegung in der Atmosphäre fand, als die thatsächliche Geschwindigkeit 
(10—20 m pr. Sekunde) der von ihm behandelten Gewitter, sollte ihm ein Fingerzeig gewesen sein, dass 
er nicht auf der richtigen Spur war. Es sei hier sofort bemerkt, dass nicht bei allen Gewittern ein Fort 
schreiten durch Uebertragung der Bewegung ausgeschlossen ist, und namentlich nicht bei den zu behandeln 
den Sturmgewittern, bei denen die Fortpflanzungs - Geschwindigkeit auch grösser als 20 m pr. Sekunde ist, 
doch dieser Typus war de Marchi nicht bekannt. Die Wärmegewitter und Böen, welche de Marchi vor 
Augen gestanden haben mögen, schreiten weiter, der Hauptsache nach, durch Bewegung einer und derselben 
Luftmasse. 
Zur Behandlung des eigentlichen Gegenstandes: die Erklärung des Gewitters betreffend, ist es an 
gezeigt, erst eine deutliche Auseinandersetzung zu geben von der Erscheinung, welche durch das Wort 
Gewitter angedeutet wird, von den Umständen, welche sie einleiten und zu vei-ursachen scheinen, von den 
begleitenden Phänomenen und zuletzt von den Folgen. Doch hierbei stossen wir auf die erste Schwierigkeit. 
Gewitter treten unter solchen verschiedenen, ja entgegengesetzten Witterungszuständen auf und sind in ihren 
Wirkungen und Folgen so ungleich, dass keine allgemeine und endgiltige Definition oder Beschreibung ge 
geben werden kann, es sei denn die Definition, welche später aus unserer Erklärung folgt. 
Nach dem Sprachgebrauch ist das eigen tlnimliche Merkmal eines Gewitters eine gewisse elektrische 
Entladung in der Atmosphäre, Blitz genannt, oder der dadurch verursachte Donner. Durch dieses Kenn 
zeichen wird jedoch einer der nicht nothwendigen Nebenprozesse in den Vordergrund gestellt, dass bereits 
durch das Volk ahnend ausgesprochen wird, indem es einen Platzi-egen ohne Blitz oder Donner ein geräusch 
loses Gewitter nennt. In der That ist ein Gewitter ein Komplex von einander wechselseitig beeinflussenden 
oder einander hervorrufenden ärodynamisclien und physikalischen Prozessen. 
Die Erscheinung kann auftreten — und dies ist der am meisten bekannte Fall — nach heiterem, 
warmem Sommerwetter mit Windstille oder schwacher Luftbewegung; sie ist jedoch auch möglich während 
kaltem Sturmwetter mit Regen im Winter. Auch bei anderen Witterungsumständen, ja selbst bei nebligem 
Wetter sind elektrische Entladungen in der Atmosphäre beobachtet worden. Grosse Wärme und Feuchtig 
keit sind meistens förderlich, doch nicht nothwendig und verui-sachen für sich allein noch kein Gewitter. 
Die meisten Gewitter treten bei einem Luftdruck von 755 mm auf, doch sind sie auch bei jedem anderen 
Barometerstand beobachtet worden. Der Voriibei'gang der meisten Gewitter ist gekennzeichnet durch einen 
kurz anhaltenden, stossweise auftretenden Stmmwind, stellenweise mit Orkankraft alles verheerend; während 
anderer Gewitter flaut der bereits stundenlang dauernde Stunnwind auf einmal zum massigen Wind ab. 
Das Barogramm zeigt während eines Gewitters sehr eigenthümliche Luftdruckstörungen, welche der Haupt 
sache nach in einer plötzlichen Druckstufe bestehen. Viele Gewitter verursachen eine schnell eintretende 
Temperatur - Erniedrigung, andere nicht. Das Gewitter als ganzes pflanzt sich fort, entweder in derselben
	        
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