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Volltext : 19, 1896

E.  Engelenburg,  C.  I.:  Aerodynamische  Theorie  der  Gewitter.

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die  Reibung  der  Eisnadeln  mit  Wassertröpfchen  in  der  Atmosphäre  ansieht.  Betrachten  wir  die  Hauptsache, ­
  die  Erklärung  der  Gewitter,  dann  wohnt  Luvini’s  Theorie  ein  viel  grösserer  hypothetischer  Charakter
inne  als  der  Sohncke’s,  weil  sie  nicht  wie  diese  letztere  auf  dem  festen  Boden  der  meteorologischen  Thatsachen
  aufgebaut  ist,  sondern  sich  einer  anderen  Hypothese  anschliesst,  nämlich  der  von  Faye  über  die
Natur  der  Cyklonen  und  Tromben.  Luvini  setzt  voraus,  dass  eine  Trombe  (nach  Faye)  mit  ziemlich  vertikaler ­
  Achse  und  reich  an  Eisnadeln  mit  niedriger  Temperatur,  aus  der  Höhe  niederkommend,  in  einen
Kumulus  eindringt.
Dieser  niedersteigende  Wirbel  bildet  mit  seinen  Eisnadeln  gleichsam  die  Glasscheibe  einer  Elektrisirmaschine,
  deren  reibende  Umhüllung  der  Wasserdampf  des  Kumulus  ist.  Alles,  was  gegen  Sohncke’s
Theorie  angeführt  ist,  ist  auch  hier  anwendbar  und  in  viel  grösserem  Maasse.  Ausserdem  ist  Luvini’s
Hypothese  noch  zahlreicheren  anderen  Bedenken  ausgesetzt.  Ebenso  wenig  wie  Luvini  die  das  Gewitter
einleitenden  Umstände  behandelt,  giebt  er  auch  eine  Erklärung  der  Nebenerscheinungen.  Dagegen  giebt
Luvini  in  derselben  Brochüre  eine  Erklärung  über  das  Entstehen  des  Hagels,  welche  —  und  hierauf  soll
mit  Nachdruck  hingewiesen  werden  —  in  keiner  anderen  Verbindung  steht  mit  seiner  Gewitter-Hypothese,  als.
dass  der  Hagel  von  dem  Blitze  verursacht  werde.  Dieser  Meinung  huldigte  bereits  Pater  Beecaria;
Spring,  wie  bald  gezeigt  werden  soll,  vertritt  eine  gerade  entgegengesetzte  Theorie:  Hagel  soll  die
Elektrizität  erregen.  Wenn  der  Blitz  einen  Wassertropfen  trifft,  findet  nach  Luvini  die  elektrische  Entladung ­
  nur  in  einer  Oberflächen-Schicht  statt  und  dringt  nicht  ins  Innere  des  Tropfens  ein.  Sohncke  zieht
diese  Erklärung  in  Zweifel,  doch  stützt  Luvini  sich  auf  Autoritäten,  wie  Franklin,  Beecaria,  Jallabert
und  Monier.  Die  epochemachenden  Experimente  von  Prof.  0.  Lodge  über  Blitzableiter  und  über  den
Charakter  der  elektrischen  Entladung  sind  der  Erklärung  Luvini  ’s  nicht  ungünstig.  In  Verbindung  mit  dieser
soeben  augedeuteten  Thatsache  steht  auch  die  weitere,  dass  eine  nur  äusserst  dünne  Oberflächen-Schicht
des  Tropfens  verdampft,  ohne  dass  das  Innere  merklich  wärmer  wird.  Der  Tropfen  ist  also  auf  einmal  in
den  Zustand  versetzt,  als  wäre  er  in  einen  glühenden  metallenen  Behälter  gebracht,  d.  h.  er  befindet  sich
im  sogenannten  Sphäroidalzustande.  Die  schnelle  Verdampfung  der  Oberflächen-Schicht  drängt  die  umgebende ­
  Luft  auf  einmal  zurück  und  dabei  geht  die  grosse  Hitze  und  Spannung  dieses  Dampfes  verloren,
damit  wird  der  Druck  in  der  unmittelbaren  Umgebung  des  Tropfens  plötzlich  sehr  klein.  Das  Innere  des
Tropfens  hat  noch  immer  die  ursprüngliche  Temperatur,  doch  ist  er  bei  diesem  Minimaldruck  überhitzt;
er  verdampft  plötzlich  und  geht  dabei  theilweise  in  eine  Eismasse  über.
Eine  brauchbare  Gewittererklärung  soll  zugleich  eine  Hagelerklärung  sein.  Nach  Luvini  verursacht
der  Blitz  den  Hagel.  Es  ist  jedoch  ohne  Zweifel,  dass  auch  Hagel  ohne  Blitz  vorkommt  und  damit  fällt
die  Erklärung  Luvini’s.  Ebenso  wenig  ist  jedes  Gewitter  von  Hagel  begleitet.  Die  bekannte,  oft  vorkommende ­
  schichtenweise  Struktur  der  Hagelkörner  und  ihre  Gestalt  als  Rotationskörper  sind  nicht  allein
nach  Luvini’s  Theorie  nicht  erklärlich,  sondern  ganz  damit  in  Widerspruch.
Die  Hypothesen  von  Spring,  Fick,  Gerland,  Hoppe,  Liebenow,  de  Trommelin  und  Jordan
sind  wegen  der  Verwandtschaft  ihrer  Grundgedanken  unter  sich  und  mit  denen  der  beiden  vorhergehenden
Theorien  am  täglichsten  im  Anschluss  an  diese  zu  besprechen.
Spring 45 )  geht  bei  seinen  Betrachtungen  von  der  Beobachtung  eines  Gewitters  in  den  Alpen  aus,  in
einer  Höhe  von  etwa  2200  m,  wobei  es  heftig  hagelte,  der  Regen  jedoch  nach  den  elektrischen  Entladungen
kam.  Als  Ursache  der  Elektrizitäts-Erregung  betrachtet  Spring  die  Reibung  der  trockenen  Hagelkörner
bei  ihrem  Entstehen  an  der  Luft  in  den  höheren  Schichten  der  Atmosphäre,  die  Elektrizität  haftet  also  an
den  Körnern  selbst.  Zweitens  soll  die  Verringerung  der  freien  Oberfläche,  welche  eine  Folge  der  Bildung
der  Hagelkörner  ist,  eine  Vergrösserung  der  elektrischen  Spannung  verursachen.  Aus  Experimenten
Faraday’s  und  Elster’s  und  Geitel’s  geht  hervor,  dass  die  trockene  Luft  nicht  im  Stande  ist,  durch
Reibung  gegen  feste  Körper,  also  auch  Eis,  Elektrizität  zu  erregen.  Das  negative  Resultat  Faraday’s
widerlegt  Spring  dadurch,  dass  jeder  Körper  stets  von  Luft  umgeben  ist,  und  deshalb  in  den  Experimenten
Faraday’s  nur  Luft  mit  Luft  gerieben  wird.  Ueberdies  ist  es  Spring  gelungen,  eine  Metallkugel  zu  elektrisiren,
  indem  er  einen  konstanten,  kräftigen,  trockenen  Luftstrom  darauf  richtete.  Die  Goldblättchen  des
Elektroskopes  zeigten  dabei  keine  konstante  Ablenkung,  doch  divergirten  sie  abwechselnd  strark  und  schwach.
Das  scheinbare  Gelingen  der  Experimente  Spring’s  lässt  sich  jedoch  auch  anders  erklären.  Dass  nicht  jedes-Gewitter
  von  Hagel  begleitet  ist,  erklärt  Spring  durch  das  Schmelzen  der  Hagelkörner,  wenn  sie  durch  die
tieferen  wärmeren  Luftschichten  zur  Erde  herabfallen.
            
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