Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1S93 No. 2 —
Dennoch wurden die einzelnen Daten nicht kritiklos entnommen, wie sich im Folgenden näher ergeben dürfte.
11. Zur geographischen Festlegung der Cyklonen diente der Ort des Zentrums. Derselbe war
bei vollkommen kreisförmigen Isobaren ohne Weiteres gegeben; dagegen wurde da, wo sich bereits eine
kleine Entartung zeigte, nicht die Form allein, sondern auch die Lage der Isobaren zu einander als maass
gebend angesehen und dann auf den Ort des Zentrums näherungsweise geschlossen — ein Verfahren das
sich für meine Zwecke als genügend erwies. 4 )
12. Von dem Zentrum aus wurde nun jede Cyklone in vier Quadranten durch Radien zerlegt, die
von NE nach SW und von NW nach SE gingen, wodurch je ein N-, E-, S- und W-Quadrant erhalten wurde.
Innerhalb der Quadranten bestimmte ich dann die jeweiligen Luftdruckwerthe in Abständen von je 111 km —
um so gleich die Gradienten zu bekommen — bis an die Grenze der Cyklone. 2 ) Diese Grenze wurde dahin
verlegt, wo die regelmässige Gestalt der Cyklone aufhörte und die Isobaren von der Kreisform stärker
abzuweichen begannen oder wo ihre sonst geschlossene Kurve gar nach aussen hin aufbog. 3 )
Für die einzelnen Beobachtungsorte entnahm ich Richtung und Stärke des Windes, Ablenkungswinkel
und Bewölkung und trug dieselben bei der nächstliegenden Luftdruckstufe ein. Bezüglich der Windrichtung
möchte ich gleich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auf dieselbe die Bodengestalt des Landes einen
wesentlichen Einfluss haben kann. Gebirge werden meist ablenkend einwirken, desgleichen können Fallwinde
an Steilküsten ganz abnorme Werthe liefern, während bei Flachküsten die Beobachtungs-Ergebnisse im
allgemeinen normal sein werden. 4 )
des Schiffsortes erheblich unsicher werden kann. Die Ungenauigkeit der Beobachtungszeiten soll darin zu suchen sein, dass
nicht das Chronometer, sondern die „täglich ein- bis zweimal regulirte“ Deckuhr benutzt wird. Aber am Lande hat man
auch keine Chronometer zur Verfügung, und viele Beobachtungen werden nach wöchentlich nur einmal regulirten Taschen
uhren und wahrlich oft nicht pünktlich zur bestimmten Minute gemacht. Endlich kann allerdings die Trägheit des Aneroids
die Quelle eines grösseren Fehlers sein, doch ist andererseits zu bedenken, dass jetzt viele Schiffe auch mit Quecksilber-
Barometern ausgerüstet sind, die ein erfahrener und gewissenhafter Schiffsführer bei starkem Fallen sicherlich dem Aneroid
vorziehen dürfte, zumal ihre Trägheit erheblich geringer ist. Deshalb halte ich es für zulässiger, auch derartige Schiffs
beobachtungen für synoptische Zwecke zu verwerthen, als mit Herrn Knipping tadellos kreisförmige Isobaren für eine
halbe Cyklone zu interpoliren.
Dagegen möchte ich darauf hinweisen, dass bei schnellfahrenden Schiffen mehr oder weniger erhebliche Irrthümer
in der Bestimmung der Windrichtung mit unterlaufen können, dass man dieselben aber andererseits, wenn sie gröberer
Natur sind, auch wieder leicht zu erkennen und auszumerzen vermag. (Vgl. Schück, die Wirbelstürme, §45).
*) Wollte man freilich genauer Vorgehen, um das absolute Minimum zu finden, so hätte dies graphisch zu geschehen,
etwa in folgender Weise: man legt vertikale Schnitte — einmal in Richtung der Zugstrasse und senkrecht dazu und
zweitens nach den vier Himmelsrichtungen — durch die Cyklone. Zeigt sich ein Unterschied hierbei, so werden diese
Schnitte lehren, wo das wahre Zentrum zu suchen sei. Zum Vergleich wäre eine Schätzung, wie oben angegeben, heran
zuziehen. Auch krumme Schnitte senkrecht zu den Isobaren in „Orthogonalkurven“ (oder „Gradientkurven“, wie ich Vor
schlägen möchte) könnte man in verschiedenen Richtungen ausführen. In der Regel wird sich dann beim absoluten Minimum
eine Abrundung der Schnittlinie zeigen, in einzelnen Fällen aber auch eine Spitze, deren Bedeutung zu erörtern wäre.
Nicht selten wird es durch die Schnitte möglich sein, innerhalb der auf der Wetterkarte enthaltenen innersten Isobare noch
eine (oder selbst mehrere) um 5mm tiefere Isobare zu ziehen. Bei Land-Cyklonen wird man natürlich nicht bloss die Daten
der Wetterkarte, sondern auch möglichst viel Beobachtungen an den Stationen des betreffenden Landes, soweit die Termine
übereinstimmen, benutzen.
Noch bessere Resultate erhielte man vielleicht, wenn sich die Untersuchung nur auf ein kleines, aber dicht mit
Stationen besetztes und orographisch geeignetes Gebiet als Unterlage für die darüber hinwegziehenden Cyklonen erstreckt.
Jedoch darf nicht verschwiegen werden, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Zentrum gerade dort vorübergeht, eine
nicht sehr grosse sein wird.
Endlich dürfte es lehrreich sein, das Verhalten der Winde in der Umgebung des absoluten Minimums genau zu studiren.
Vergl. Schück, Die Wirbelstürme. Oldenburg, o. J. §40. — Sprung: Lehrbuch der Meteorologie, pag. 240, §60. —
Dechevrens, L’inclinaison des vents etc. Deuxieme note. Zi-ka-wei 1886. Auch Referat in Meteorol. Zeitschrift 1888, pag. [9].
2 ) Bei diesen und den folgenden Messungen bediente ich mich nach dem Vorschläge des Herrn von Bezold eines
durchsichtigen Gelatineblättchens, an dessen Rändern die Skala für 111km und auf dessen Mittelfläche eine Art Windrose
mit Winkeln von je 15° mit der Messerspitze eingeritzt und durch Ausfüllen der Risse mit Tinte deutlich gemacht wurde.
Im Zentrum der Rose erwies sich wegen des Zusammenlaufens der Winkellinien und der dadurch fast ganz aufgehobenen
Durchsichtigkeit ein Loch, etwas grösser als der Stationspunkt der Karte, als nützlich.
3 ) Schück, die Wirbelstürme, §32.
4 ) van Bebber, Abhängigkeit der Stärke des Unterwindes von der Unterlage. Ann. d. Hydrographie 1889, 485. —
K emser, Das Klima Helgolands. Annalen d. Hydr. 1891. Sonderabdruck, pag. 22 f. — Vgl. auch die Wetterkarten vom
29. Januar oder 15. März 1881 bei Island.