No. 58.
TTeber- kreis ähnlich.© Cyklonen.
Yon Dr. C. Kassner,
Assistent am Kgl. Prenss. Meteorol. Institut.
Einleitung.
1. Alle bis jetzt angestellten theoretischen Untersuchungen über die Bewegungen der Atmosphäre
beschäftigen sich in erster Linie mit der Lehre von den Cyklonen. Dies hat seinen Grund einerseits in der
dominirenden Stellung, welche man diesen Gebilden auf den Verlauf der Witterungs-Erscheinungen beimisst,
andererseits wohl auch in dem Umstande, dass sich die Cyklonen unter gewissen vereinfachenden Annahmen
immer noch leichter theoretisch behandeln lassen, als etwa die Anticyklonen oder gar die allgemeine Zir
kulation der Atmosphäre.
Hierbei musste man sich freilich immer auf die Annahmen beschränken, dass die Gyklone vollkommen
symmetrisch gebaut ■— sogenannt symmetrisch-circular — und dass ein stationärer Zustand erreicht sei.
Soviel aber auch gerade über solche Cyklonen gearbeitet worden ist, so hat man doch verhältniss-
mässig nur wenig Versuche gemacht, die gewonnenen Formeln ziffernmässig an der Erfahrung zu prüfen.
Vielmehr begnügte man sich meist mit der qualitativen Bestätigung, wie man sie den Wetterkarten ohne
Mühe entnehmen kann.
Es sind zwar einige solcher Prüfungen von Herrn Mohn 1 ) vorgenommen worden, der dabei wesentlich
den sogenannten Ablenkungswinkel ins Auge fasste, auch hat Herr Sprung 2 ) einige derartige Versuche
gemacht, doch scheint es trotzdem wünschenswert!!, den Gegenstand noch weiter zu verfolgen.
Die vorliegende Arbeit hat den Zweck, einen ferneren Beitrag nach dieser Richtung zu liefern.
2. Wenn man die Sätze, wie sie für symmetrisch-circulare Cyklonen theoretisch abgeleitet wurden, an
den Thatsachen prüfen will, so stehen verschiedene Wege zur Verfügung.
Man kann entweder ganz spezielle Fälle aussuchen, bei welchen die Bedingung der Symmetrie nahezu
erfüllt ist, oder man kann, da solche Cyklonen nur sehr selten Vorkommen, durch Mittelbildung beziehungs
weise durch Uebereinanderlagerung verschiedener Cyklonen, die dem idealen Falle nicht allzufern stehen,
gewissermaassen typische Cyklonen konstruiren und auf das so erhaltene Gebilde die Formeln anwenden.
Da es aber immer noch fraglich bleibt, inwiefern es zulässig ist, auf derartige Erscheinungen die
Mittelbildung anzuwenden, so scheint es nicht überflüssig, sich noch nach einer anderen Methode umzusehen.
Man kann nämlich fragen, wie oft in nahezu kreisförmigen Cyklonen, die ich deshalb „kreisähnliche“
nennen will, gewisse Werthe des Gradienten, des Ablenkungswinkels, der Bewölkung etc. Vorkommen, und
versuchen, sich dergestalt ein Bild von den typischen Verhältnissen der Cyklonen zu verschaffen.
Auf diese Weise treten auch ganz spezielle Fälle noch mit vollem Gewichte auf, was in mancher
Hinsicht von besonderem Werthe ist. So ist es z. B. höchst interessant zu sehen, wie häufig ein Ablenkungs
winkel von 90° oder darüber vorkommt, da dies nach Herrn von Bezold 3 ) der Grenzfall ist, bei dem das
Aufsteigen der Luft im Innern in ein Absteigen übergehen muss, sofern es sich nicht um eine ganz kleine
Theildepression handelt, die man auf der Karte nicht erkennen kann, und die so nur scheinbar den grossen
Ablenkungswinkel nach sich zieht. Desgleichen ist es z. B. wichtig, zu ermitteln, ob sich etwa ein Analogon
für das „Auge des Stunnes“ auch im allgemeinen in der Bewölkung verräth.
*) Guldberg-Mohn: Die Bewegung der Luft in aufsteigenden Wirbeln (Cyklonen). Oestr. Met. Zeitsch. 1877, pag. 257 ff.
-) Sprung: Lehrbuch der Meteorologie. Hamburg 1885, p. 112 ff.
3 ) Zur Theorie der Cyklonen. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften. Berlin 1890, pag. 1295 ff.
Archiv 1893. 2.
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