Pr. Willi. Meinardus: Beiträge zur Kenntniss der klimatischen Verhältnisse etc.
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gestört ist, und daher die Konvektionsströmungen, welche eine Mischung der oberen, schneller bewegten
Luftmassen mit den unteren herbeiführen, am bedeutendsten sind, erreichen sie das Maximum der Ge
schwindigkeit und erstrecken sich, gemäss der Luftdruck-Vertlieilung in den höheren Schichten der Atmo
sphäre viel weiter ostwärts, als der Luftdruck-Vertheilung im Meeresniveau entspricht, sie wehen dann
stellenweise gegen den Gradienten dieses Niveaus. Sie kommen um diese Tageszeit den östlichen Küsten
der Halbinsel resp. der Küste von Bengalen am nächsten. Zugleich ist aber der Zuzug feuchter, kühlerer
Seewinde in das Land am grössten, es kommt zu Konflikten zwischen diesen und den heissen, trockenen
Landwinden und es entwickeln sich Wirbel mit horizontaler Axe, welche als Staub- oder Gewitterböen von
der oberen westlichen Luftströmung getragen, gegen die Küsten der Bai vorrücken. Die nachmittäglichen
Nor’westers der Provinz von Bengalen, welche von Blanford einer genaueren Untersuchung unterzogen sind,
gelten als typische Vertreter dieser Erscheinungen. Theils aus der Entstehungsursache jener Böen, theils
aus dem Charakter der fortschreitenden Böen überhaupt erklären sich die Eigentümlichkeiten des Frühlings
regenfalls, wie sie von Blanford beschrieben sind. Der Regenfall beschränkt sich auf die östlichen Theile
des Landes, er ist einer scharf ausgeprägten täglichen Periode unterworfen (die „storms“ kommen meist
nach der grössten Temperatur des Tages 5 h — 9 h p. m.), die Erscheinungen treten (namentlich im unteren
Gangesthal) häufig mehrere Tage hinter einander um dieselben Stunden ein. Der Frühlingsregenfäll ist
sporadisch, grosser lokaler Verschiedenheit unterworfen, kurzlebig, lokal heftig; die Regenfülle wächst mit
fortschreitender Jahreszeit. 1 )
Auch über den Küstenstrichen von Arakan kommen im Laufe des April und Mai gelegentlich Gewitter
zum Ausbruch. Aber abgesehen von den südlichen Gehängen der im Hintergrund der Küste von Bengalen
liegenden Berge bleibt Indien in den Monaten März und April doch ein regenarmes Gebiet, nur au einzelnen
Orten steigt die Zahl der Regentage im April über 3. Der Ausbruch des Monsuns ist deshalb auch für
die Gegenden, welche im Gebiet des „spring storm rainfall“ liegen, ein scharf markirtes Witterungs-Ereigniss
ersten Ranges, mit ihm beginnen die dauerhafteren und ergiebigeren Regen.
Die Theile der Bai, welche zwischen dem Luftdruck-Maximum und den nördlichen Küsten der Bai
liegen, scheinen auch im April wie im Februar und März vollständig des Regens zu entbehren. Freilich
liegen von den nördlichsten Theilen des Meeres keine Beobachtungen deutscher Schiffe vor, die nördlichste
Breitenzone, welche von deutschen Schiffen befahren zu werden pflegt, ist die zwischen 16° und 18° N. Br.
gelegene. Weil aber in dieser Zone unter 25 Beobachtungstagen im April kein einziger Regentag war, so
wird man annehmen dürfen, dass auch in nördlicheren Zonen die Seewinde, bevor sie das Land erreichen,
regenlos oder regenarm sind. Aus diesem Grunde ist es nicht gerechtfertigt, die Zeit von Ende Februar
bis zum „Ausbruch des Monsuns“, während welcher die Windrichtung im nördlichen Theil der Bai schon
wie im Sommer SW ist, der Sommer-Monsunzeit zuzurechnen, welcher als Haupt-Charakterzug die grosse
Regenhäufigkeit eigen ist. Sie gehört vielmehr der Uebergangszeit an, in welcher weder der Charakter des
Winter- noch der des Sommermonsuns rein ausgebildet ist (vgl. Seite 8).
Wir gehen nun dazu über, die Veränderungen in den atmosphärischen Verhältnissen, welche
um die Zeit des Monsun-Ausbruchs über der Bai von Bengalen stattfinden, darzustellen. Es
handelt sich hier nicht um eine Untersuchung des katastrophenartigen, fortschreitenden Witterungsaktes
selbst, welcher als „the bursting of the monsoon“, als scharfe Grenzscheide zwischen der heissen und nassen
Jahreszeit in der Witterungsgeschichte des indischen Jahres die Hauptrolle spielt; eine solche Untersuchung
Hesse sich nur an der Hand synoptischer Karten durchführen. Vielmehr können hier nur die dauerhaften
Folgen jener Erscheinung, soweit sie sich in den Mittelwerthen der Monate ausprägen, zur Besprechung
kommen und der Charakter der mit ihr beginnenden Sommer-Monsunzeit mit dem der voraufgehenden
Jahreszeit verglichen werden.
In der Vertheilung des Luftdrucks tritt von April bis Mai eine wesentliche Aenderung ein. Das
Luftdruck-Maximum, welches wir in den vorhergehenden Monaten mit abnehmender Höhe in der Bai süd
wärts wandern sahen, verschwindet, ein nahezu nord-südliches Luftdruckgefäll reicht von den äquatorialen
Breiten bis zu dem Gebiet tiefen Luftdrucks im Norden, welches sich von der Orissaküste zu einer langen,
von der 751 mm Isobare umzogenen Luftdruckfurche nordwestwärts bis zur Indusebene ausgedehnt hat und
M Blanford, Rainfall of India, Seite 94. Climates of India, Seite 81, 207. lieber die heissen Winde s. A. S. Hill,
Anomalien in. den Winden des nördlichen Indiens und ihre Beziehung zur Druekvertheilung. Met. Ztschrft. VI. 18S9. Seite 422.
Arcüiy 1S93. 7.
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