accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

Wislicenus: Die Küste von Tonkin. 
93 
Von Kak-Ba bis nach Kebao dehnt sich die wichtigste Inselgruppe aus, 
der Archipel der Fai-tsi-long. 
Die Far-tsi-long (Drachenklauen). Der Archipel der Fai-tsi-long stößt 
unmittelbar an die tonkinesische Küste nordwärts vom letzten Flußlßsarm, dem 
Lakh-Huyen; neben den niedrigen bewässerten Ebenen und den mit Gesträuch 
bewachsenen Ufern liegen diese Inselchen, die in seltsamstem Gegensatz zu der 
Festlandgegend stehen. 
Steile Marmorfelsen, zwischen 50 und 100 m hoch, sind hier längs der 
Küste auf einem Raume von 40 Sm Länge und 5 bis 10 Sm Breite gleichsam 
ausgesät,. 
Zackig steigen die Klippen aus dem Meere empor, laden oft im oberen 
Theile weit über, während die Wasserlinie vom Seegang ausgehöhlt ist. Sie 
bestehen aus graulichem Marmor und zeigen viele Risse, Grotten und kleine 
Buchten. Strauchwerk, allerlei Kräuter und Orchideen wachsen in den Felsen- 
spalten. Die Formen der Inseln sind sehr mannigfaltig und seltsam; ihre 
Gipfel sind spitz oder rund, dabei stets scharf ausgeschnitten; einige erreichen 
300 m Höhe. Von See aus scheinen die Inselchen eine einzige grofse schwarze 
mit Zinnen versehene Mauer zu bilden; man ahnt nicht, daß dort Durchfahrten 
sein könnten, die Küste scheint ununterbrochen zu sein. Selbst in geringem 
Abstande erschwert der gleichförmige graue Ton der Felsen dem Auge es, einen 
von dem anderen zu unterscheiden und die Zwischenräume zwischen ihnen zu 
erkennen. Die zackigen Gipfel sind von See aus so zahlreich und so undeutlich, 
dafs die Felsen eine feste Masse zu bilden scheinen. 
Und dennoch, trotzdem die Inselchen nahe genug bei einander liegen, um 
gegen den Seegang vollständigen Schutz zu gewähren, so sind sie doch weit 
genug voneinander entfernt, um bequeme Durchfahrten für Schiffe und grofse 
freie Ankerplätze zu bilden. 
Der Archipel stöfst an einen Theil der tonkinesischen Küste, wo die 
Gebirgszüge der Küste parallel laufen und nur Giefsbäche zum Meere schicken. 
Auch die Gezeitenströme bringen keine Schlickmassen des Flufsdeltas hierher; 
weil die Ebbe nach Süden hin setzt, so hat das von den Klippen gebildete 
stille Wasser keine Gelegenheit, um Ablagerungen aufzunehmen. 
Nur die verwitterten Felsen haben einen Schlick erzeugt, der den ganzen 
Meeresboden hier bedeckt; er ist unter dem KEinflusse der Gezeitenströme ab- 
gelagert. Das Wasser ist hier fast klar; auch in den Kanälen, wo die Gezeiten- 
ströme schwach sind, findet man grofse Wassertiefen. 
Der Zuflufs und der Abflufs des von der Fluth aufgestauten Wassers haben 
zwei Hauptströme und damit zwei große und tiefe, von Ablagerungen freie 
Kanäle gebildet, die ohne Barre seewärts münden. 
Der erste Strom, der durch den Henriette-Pafs und durch die „Tiefe Ein- 
fahrt“ ausläuft, führt das Wasser, das die Fluth in der Bucht von Halong, in 
Port-Courbet und zum gröfseren Theile auch in der weiten Bucht von Fai-tsi-long 
aufgestaut hat. Der zweite Strom führt durch die Pässe von la Mouche und 
le Casque das von den Gezeiten im Archipel zwischen der grofsen Bucht von 
Fai-tsi-long und Kebao aufgestaute Wasser hinaus. 
Der erste Kanal mündet an einer ziemlich tiefen Stelle des Golfs von 
Tonkin mit Tiefen von 20 m; der zweite mündet an einer geschützteren Stelle, 
in Lee von der Insel Tam-tiao, wo die Tiefen indessen doch noch 8 bis 9m 
betragen. Beide Kanäle sind bei jedem Stande der Tide für Seeschiffe des gröfsten 
Tonnengehalts schifbar; sie führen nach geschützten und tiefen Rheden, die 
längs der Küste von Tonkin liegen. 
Die Ausdehnung der Ankerplätze ist unbegrenzt. Die Rheden sind so gut 
vor dem Winde geschützt, dafs die Küstenschiffahrt der kleinen Fahrzeuge 
niemals unterbrochen ist. Die Dünung spürt man dort so wenig, dafs die Schiffe 
jängsseits voneinander festmachen können wie in einem Hafen, ohne Havarien 
befürchten zu müssen. 
‚Der Haltegrund ist vorzüglich; die Strömungen stören nur wenig, sie haben 
kaum 1 Sm Geschwindigkeit bei Springtide, wenn man nicht in einer schmalen 
Durchfahrt zwischen zwei Klippen ankert.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.