Dr. Hugo Meyer: Die Niederschlags-Verhältnisse von Deutschland etc.
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Abfall der Kurve dort viel steiler ist als liier, was zum Theil wohl seinen Grund in dem Nebelreichthum
der Küsten hat. Wenn wir weiter in das Binnenland hineingehen, so wird der Abfall der Kurve immer
flacher, um schliesslich für ganz kleine Niederschlagsmengen bei einigen Stationen der Abscissenaxe die
konkave Seite zuzukehren. An den Küsten sind die Tage der ersten Gruppe mit dem Mittelwerth 0.2 mm,
in Kassel und Stuttgart die der zweiten und endlich in Friedrichshafen die der dritten Gruppe mit 0.8 mm
Niederschlag die häufigsten. Für grössere Werthe der Regenhöhe nähern sich die Kurven für Küste und
Binnenland, schneiden sich, und dann divergireu sie für zunehmende Regenmengen wieder, wenn auch
weniger stark.
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass eine Diskussion der Kurven, welche sich auf die verschiedenen
Jahreszeiten beziehen, nicht minder interessante Resultate zu Tage fördern wird, vorläufig aber erscheinen
sie in ihrer Gestalt noch nicht genügend festgestellt, man wird erst längere Beobachtungsjahre abwarten
müssen. Nur soviel lässt sich aus den Tabellen wohl schon mit einiger Sicherheit schliessen, dass die
Kurve in massiger Entfernung von der Küste im Sommer und Herbst flacher, anfangs sogar konkav gegen
die Abscissenaxe, verläuft als im Winter und Frühling, und dass an den meisten Küstenstationen das Umge
kehrte stattfindet.
Betrachten wir nun noch kurz die Zahl der Tage mit Niederschlag ohne Rücksicht auf die Regen
menge, welche an ihnen fiel. Die grösste Anzahl derselben finden wir in Hamburg, 211 im Jahre, woran
sich Boi'kum mit 204 und Kiel mit 202 anschliessen, während die übrigen Stationen die Zahl 200 nicht
erreichen. Die geringste Anzahl der Regentage hat Breslau, nämlich 143, dann folgen Keitum mit 161 und
Friedricbshafen mit 165. In der jährlichen Periode (Tab. 9) entfallen im Westen die meisten Nieder
schlagstage auf den Herbst, im Osten, wie er durch Swinemünde, Neufahrwasser, Berlin und Breslau reprä-
sentirt wird, auf den Winter; die wenigsten Regentage treten im ganzeu Gebiete im Frühling auf, nur in
Höchenschwand und Friedrichshafen ist der Regen im Winter noch seltener. Die Schwankung ist indessen
nur klein, und die jährliche Periode kann an unserem Materiale nicht schärfer fixirt werden; nur ein be-
achtenswerther Punkt zeigt sich in allen Reihen, nur nicht in der für die Höhenstation, das ist das
Minimum der Regenhäufigkeit im April.
Wir wenden uns zur Betrachtung des Schneefalls nach Tabb. 10 und 11. In derZeit von Juni bis
September ist in den Jahren 1876—85 nur auf der Höhenstation und einmal am 28. September 1885 in
Friedrichshafen Schnee gefallen, wir dürfen diese Monate also wohl als schneefrei bezeichnen. Auffallend
reich an Schnee war immer der März. Wenn dieses Maximum auch bei längerer Beobachtungsdauer etwas
mehr zurücktreten mag, so scheint es doch nicht, als ob es ganz verschwinden würde, denn auch in der
Tab. F bei Wild (1. c. p. 55) findet sich bei vielen uns benachbarten Stationen, an denen schon seit einer
langen Reihe von Jahren meteorologische Beobachtungen angestellt werden, ein Märzmaximum oder doch
wenigstens ein relativ grosser Werth der Häufigkeit des Schneefalls um diese Zeit. Der Grund für diese
Erscheinung dürfte in den häufigen und starken Kälterückfällen um Mitte März zu suchen sein. (Vergl.
Hellmann, Ueber den jährlichen Gang der Temperatur in Norddeutschland, Zeitschr. des Königl. Preuss.
Stat. Bureaus 1883). Zwar finden im Februar noch regelmässiger als im März Kälterückfälle statt, aber sie
sind weniger andauernd, der Temperaturanstieg zur Normalen erfolgt rascher, zudem ist der März über
haupt reich au Niederschlägen. Für diese Erklärung spricht der Umstand, dass, wo die Kälterückfälle am
intensivsten sind (im Binuenlande), da auch das Märzmaximum des Schneefalles stärker hervortritt.
3. Die Niederschlags-Wahrscheinlichkeit.
Die Niederschlags-Wahrscheinlichkeit ist in Tab. 12 in der Weise dargestellt, dass die Zahlen angeben,
wieviel Tage unter 100 eines Zeitabschnitts durchschnittlich Niederschlag bringen. Danach ist die Wahr
scheinlichkeit, dass es an einem Tage regnet, im Westen im Herbst am grössten, im Osten dagegen zur
Winterszeit; in Friedrichshafen ist Regen im Frühling und Sommer am ehesten zu erwarten. Die oben
konstatirte Regenarmuth des April spiegelt sich in dem kleinen Werth der Regen-Wahrscheinlichkeit dieses
Monats in Norddeutschland wieder, in Süddeutschland ist die Wahrscheinlichkeit des Niederschlags im
Januar allerdings noch kleiner. Uebrigens ist die Schwankung der Regen-Wahrscheinlichkeit mit Ort und
Zeit nur gering; es bringt in Deutschland ungefähr die Hälfte aller Tage Niederschlag in irgend welcher
Form. — Tab. 12a weist für die Wahrscheinlichkeit des Schneefalls im März ein deutliches Maximum auf, ein
Beweis, dass die grosse Schneehäufigkeit dieses Monats nicht durch die Länge desselben erklärt werden kann.