Dr. Vett : n: Volumina der Luftströmungen etc.
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Um sich zu veranschaulichen, wie die Luft zwischen dem weiten Aequator und dem engen Pole
zirkulirt, dienen 2 Versuche; der eine zeigt die Erscheinungen im Durchschnitt, der andere im Grundriss.
1) Man braucht dazu einen Glaskasten mit länglich dreieckiger Grundfläche (Fig. 46 zeigt den Durch
schnitt). Derselbe wird auf ein passendes Gestell von dünnem Draht gesetzt. Versetzt man die Luft nun
in Zirkulation dadurch, dass man das schmale Ende (Je) durch Eis kühlt, so sinkt von der obern Strömung
in dem Maasso, wie sich auf ihrem Wege zum schmalen Ende des Kastens der Raum verengt, successive
überall Luft herab und kehrt weiter unten auf kürzeren Wegen zurück zum breiten wärmeren Ende des
Kastens (ty), um hier wieder aufzusteigen, ungefähr so, wie dies aus der Zeichnung in Fig. 46 zu erkennen
ist. Bezeichnet В die nördliche Breite, in der Berlin gelegen, so finden wir über В ganz oben in a Luft,
die vom Aequator zum Pole vordringt, hier herabsinkt und unten über e zum Aequator zurückkehrt, um
daselbst wieder den Kreislauf von neuem zu beginnen. Mehr nach innen bei b sehen wir Luft, die vom
Aequator her pohvärts sich bewegt, aber nur bis h Vordringen kann, daselbst sich abwärts bewegend über d
zum Aequator zurückkehrt. Noch mehr nach innen sehen wir bei c Luft, die vom Aequator gekommen,
hier schon gezwungen ist herabzusinken und wieder dem Aequator sich zuzuwenden.
2) Unter der Einwirkung einer rotirenden Grundfläche stellt sich der Vorgang in der schon früher*)
beschriebenen Weise dar. Hier wollen wir insbesondere die Richtungen verfolgen, welche die Strömungen
in den verschiedenen Höhen über einem bestimmten Orte (Berlin) zeigen.
Die Figuren 49 und 50 stellen Grundrisse einer drehbaren Glastrommel dar, P ist das durch Eis ab
gekühlte Zentrum (Nordpol). Es sei ferner in der etwas grösser gezeichneten Fig. 51 da, wo sich die Kurven
ab c d e schneiden, zwischen Pol und Aequator (Peripherie) näher dem ersteren, der Ort, wo Berlin gelegen.
Dreht man nun die Trommel langsam in der Richtung des Pfeils, also entgegengesetzt der Bewegung des
Uhrzeigers, so beschreibt die obere Luft, welche dem obern Luftstrome a in Fig. 46 entspricht, Bahnen,
ungefähr so wie dies die Kurven der Fig. 50 erkennen lassen. Ueber Berlin würde die Luft ganz oben,
der feinpunktirten Kurve Fig. 51 аa entsprechend, also etwa südwestlich fliessen. Weiter abwärts, ent
sprechend der Luft in b Fig. 46, geht die Luft nicht mehr so direkt auf den Pol zu, die Spirale erweitert
sich, die Luftströmung wird über Berlin westlicher (siehe Fig. 51, b). Weiter abw’ärts, entsprechend der
Luft in e Fig. 46 hört dieselbe auf, sich dem Pole P zu nähern, sie fliesst in einer Richtung senkrecht
auf die Verbindungslinie Berlin—Pol, also rein westlich (Fig. 51 c). Noch weiter abwärts, entsprechend der
Luft in d Fig. 46, fängt sie an, sich vom Pole P zu entfernen (Fig. 51, d die stark gestrichelte Kurve),
die Strömung über Berlin wird nordwestlich. Endlich der allerkleinste Theil ganz unten entsprechend der
Luft in e Fig. 46 fliesst in Bahnen, welche Fig. 49 veranschaulicht. Ueber Berlin wendet sich diese Luft
nordöstlich fliessend (Fig. 51, e die dickpunktirte Kurve) in einem Bogen der Peripherie (dem Aequator) zu.
Diese Versuche, von denen der erste in Figur 46 veranschaulichte die vertikalen, der zweite in
Fig. 49—51 dargestellte die horizontalen Komponenten der verwickelten Luftbewegung erkennen lässt, zeigen,
dass bei der Zirkulation der Luft zwischen Pol und Aequator aus der obern Strömung immer Luft herab
sinkt in dem Maasse, wie sie in engere Räume gelangt. Sie lassen ferner erkennen, wie dadurch im Verein
mit der Erdrotation die Richtungs-Verschiedenheit der Strömungen in den verschiedenen Höhen bedingt
ist, indem die Strömungs-Richtung, die oben über Berlin südwestlich ist, nach unten zu allmählich westlich
und nordwestlich wird, und stehen demnach in Einklang mit dem, was die Beobachtungen der Wolken im
Jahresmittel, wo Kältepol und geographischer Pol ungefähr zusammenfallen, ergeben haben.
3) Die Gegenden grösster Kälte sind nun im Laufe des Jahres bekanntlich nicht stationär, sondern
sie liegen im Sommerhalbjahr über dem Eismeere nördlich der Nordamerikanischen Küste, im Winterhalb
jahr giebt es zwei Kältepole, einen im nordöstlichen Sibirien und einen zweiten weiter nordöstlich über
dem Eismeere gelegenen.**)
Durch das Experiment kann man sich den Einfluss der verschiedenen Lage des oder der Kältepole
auf die Richtung der Strömungen veranschaulichen.
Um die Verhältnisse, wie sie im Sommer statthaben, nachzumachen, legt man die Schale mit Eis, von
dem Punkte В (Berlin) aus gesehen, nahe dem Zentrum (Nordpol) etwas nach links nach Je Fig. 52—54.
Alsdann wendet sich bei langsamer Drehung das ganze System der den Kältepol umziehenden Strömungen
nach links. Fig. 52 zeigt die Bahnen des untern, Fig. 53 die des obern Laufs der Zirkulation. Ueber
*) „Meteorologische Zeitschrift“, 1884 Juli. Seite 271 u. f.
**) Mohn, Meteorologie, 1875. Seite 46. Fig. 7.