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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 18S8 No. 3 —
diesem Prinzipe wurden bei einem ersten Versuche durch jede Isogone zahlreiche kleine Striche — Strom
striche — unter dem Winkel mit dem Parallel gezogen, den die Isogone angiebt. Auf jedem solchen Strom
striche zeigt die Senkrechte die Richtung der Magnetnadel des betreffenden Ortes an. Auf der Null-Linie
laufen alle diese Striche parallel mit den Breitengraden. Bei östlicher Abweichung mussten die Striche
selbstverständlich mehr von Ostgensüd nach Westgennord (von Osten her aufwärts), bei westlicher Abweichung
aber mehr von Ostgennord nach Westgensüd (abwärts) gehen. Schon bei diesem Versuche zeigten sieb
deutlich zusammenhängende Ströme, aber ihre Ausbiegungen traten wegen der Kleinheit der betreffenden
Winkel, namentlich in der Südhälfte der Figur, nur wenig hervor.
Um diese Ausbiegungen ersichtlicher zu machen, wurden die durch jede Isogone geführten Stromstriche
in der beiliegenden Zeichnung so gezogen, dass der betreffende Winkel jedesmal doppelt so gross angenommen
wurde, als die Isogone ihn angiebt. Die Stromlinie bei A (Tafel) sollte z. B., der östlichen Deklination ent
sprechend, mit der Horizontalen, d. li. mit dem Breitengrade, in Wirklichkeit aufwärts einen Winkel von
nur 5° bilden; in der Zeichnung beträgt der Winkel 10°. In der Ovalen bei +6 sollten die Stromlinien
um 6° abwärts gehen; sie gehen in der Zeichnung um 12° abwärts. Das stärkste Aufwärtsgehen um 15° im
Norden musste hiernach auch in ein Steigen um 30° verwandelt werden. Sämmtliche Stromstriche auf
derselben Isogone sind natürlich unter sich parallel.
Statt beliebig vieler zahlreicher paralleler Striche, die unter dem vorgeschriebenen Winkel durch jede
Isogone gezogen werden können und zuletzt dasselbe erkennen lassen, was hier heraustreten soll, wurden
in der beiliegenden Zeichnung diese Striche von Osten nach Westen hin so geführt, dass sie sich sogleich
aneinander anschlossen, wie es bei einem von Ost nach West gehenden, zusammenhängenden Strome der
Fall sein muss. An die erste aufwärtsgebende Stromlinie bei A schliesst sich die nächste, die horizontal
durch die Null-Linie gebt, an, au diese wieder die dritte, die unter einem Winkel von 4° (eigentlich 2°)
abwärts gehen muss, u. s. w. In dieser Weise wurde der Strom in den stärker gezeichneten Strichen von
A bis B zusammenhängend weitergeführt. Derselbe steigt bei A aufwärts, geht dann durch die Horizontale
niederwärts, wird unter dem 120. Längengrade wieder horizontal, steigt jetzt bis über den 80. Längengrad
hinaus stärker aufwärts, erreicht bei dem 50. Meridiane wieder die Horizontale, d. h. die Null-Linie, und
geht dann nach Europa hinein bei B abwärts.
Fast dieselbe abwärts und aufwärts gehende Windung macht auch der von C nach D fliessende Strom,
doch sind die Windungen hier schon etwas geringer; noch mehr ist dies bei dem Strome in EF der Fall.
GH und MN fliessen fast parallel, aber die Ströme verflachen sich nach Süden hin immer mehr, so dass
sich OP der Horizontalen schon sehr nähert; doch sind auch hier die Windungen, die den stärkeren Aus
biegungen im Norden entsprechen, noch deutlich zu erkennen.
Weitere Folgerungen aus dem Verlauf dieser versuchsweise angenommenen Ströme, die zunächst doch
nur Vermuthungeu sein würden, sollen hier nicht gezogen werden. Nur so viel lässt sich feststellen, dass
die elektrischen Ströme, welche die Erde zum Magnet machen sollen, den hier angegebenen Verlauf nehmen
müssen, wenn sie wirklich auf der Magnetnadel jedes Ortes senkrecht stehen sollten, und umgekehrt, dass
die auffällig gewundenen Isogonen diese Windungen zeigen müssen, wenn die die Magnetnadel richtenden
Ströme ähnliche Windungen machen, wie die Zeichnung dieselben vorführt.
Auch dies darf gesagt werden, dass die über grosse Länderstrecken vertheilten Ausbiegungen der
elektrischen Ströme von AB bis OP, unter sich annähernd parallel, ein einfacheres Bild geben, als die stark
auf- und niedersteigenden, scheinbar regellosen Isogonen, zumal wenn beachtet wird, dass diese Ausbiegungen
der Stromlinien in Folge der Verdoppelung der Winkel in der Zeichnung doppelt so stark, als sie wirklich
sind, erscheinen.
Zwischen A und 0 treten in der Zeichnung 83 Ströme von Osten her ein, zwischen B und P treten
ebenso 33 Ströme aus, aber der Abstand dieser Ströme von einander bleibt sich nicht an allen Orten gleich.
Der Abstand zwischen B und D im Westen ist 2.2 mal so gross, als der zwischen A und C im Osten.
Wegen Verdoppelung der Winkel reduzirt sich das Verhältniss der relativen Strom-Abstände zwischen AC
und zwischen BD in Wirklichkeit auf 1.0 : 1.1. Kommen im Osten auf 1 Millim. etwa 11 Ströme, so kommen
im Westen auf dieselbe Strecke nur 10; daher im Osten auf die Fläche eines Quadrat-Millimeters, die in
der Richtung des Meridians auf der Ebene des Horizonts senkrecht steht, 121, im Westen aber nur 100 Ströme.
Sollte die Intensität der erdmagnetischen Kraft von der Zahl dieser Ströme, die auf gleiche Flächen kommen,