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Volltext : 10, 1887

No.  2.

Studien  über  die  Bestimmung  der  Lufttemperatur  und  des  Luftdrucks.
Erste  Abhandlung.  Untersuchungen  über  die  Bestimmung  der  Lufttemperatur.
Von  Dr.  W.  Koppen.

Die  Temperatur  eines  Körpers  hängt  ab  von  a)  dem  Wärmeaustausch,  den  derselbe  mit  seiner  Umgebung ­
  durch  Leitung  unterhält,  b)  der  Wärme-Zufuhr  und  Abfuhr  durch  Ein-  und  Ausstrahlung,  c)  der
Erzeugung  oder  Vernichtung  („Bindung“)  von  Wärme  durch  Prozesse  in  dem  Körper  oder  an  dessen  Oberfläche. ­
  Die  menschliche  Haut  ist  stets  allen  diesen  Einflüssen  zugleich  ausgesetzt;  da  jeder  derselben  aber
in  sehr  komplizirter  Weise  durch  viele  Umstände  beeinflusst  wird,  so  sind  Instrumente,  welche  dem  ganzen
Komplex  von  Einflüssen  in  annähernd  derselben  Weise  unterliegen  würden,  wie  der  thierische  Körper,
kaum  möglich,  und  wird  die  Aufgabe  für  die  Klimatologie  stets  darin  gesucht  werden,  die  Fragestellung  zu
vereinfachen  durch  Trennung  der  einzelnen  Faktoren.  Die  letzte  unter  den  oben  aufgeführten  Kategorien
von  Einflüssen  (c)  wird  in  der  Meteorologie  nur  angewandt  für  Feuchtigkeits  -  Bestimmungen,  in  der  Form
von  Verdunstungskälte  am  Psychrometer  und  Thaupunkts-Hygrometer;  die  zweite  Kategorie  wird  durch
die  Aktinometer,  Pyrheliometer,  Bolometer  etc.  untersucht;  die  grösste  Anwendung  in  der  Meteorologie  finden ­
  aber  Bestimmungen,  bei  welchen  thunlichst  nur  die  erste  Kategorie  von  Einflüssen  —  nur  Wärmeleitung ­
  nebst  Konvektion  —  wirksam  ist,  und  zwar  zur  Bestimmung  der  Temperatur  des  Mediums,  in  welchem
sich  das  Thermometer  befindet,  sei  es  Erdboden,  Wasser  oder  Luft.
Zuvörderst  müssen  wir  uns  die  Frage  beantworten:  Was  ist  Lufttemperatur?  Die  Antwort  lautet  einfach: ­
  die  Temperatur  der  Luft,  zunächst  derjenigen,  welche  wir  unmittelbar  der  Prüfung  unterwerfen  und
weiterhin  die  Temperatur  anderer,  grösserer  Luftmassen,  als  deren  Repräsentantin  die  erstere  dienen  kann.
Jede  Definition,  in  welcher  die  Lufttemperatur  als  Stand  eines  so  und  so  aufgestellten  Thermometers  bezeichnet
wird,  ist  als  irreführend  zu  vermeiden.  Nur  weil  man  naturgemäss  zunächst  die  stärkste  der  störenden
Ursachen,  also  die  Sonnenstrahlung,  auszuschliessen  trachtet,  wird  die  gesuchte  wahre  Lufttemperatur  auch
häufig  als  „Temperatur  im  Schatten“  oder  als  „Schattentemperatur“  bezeichnet.  Dagegen  ist  die  „shade
temperature“  von  Ferrel  ein  ganz  anderer  Begriff,  da  sie  die  Temperatur  angiebt,  welche  ein  Thermometer ­
  durch  Strahlung  der  Umgebung,  unter  Ausschluss  der  Leitung  und  der  direkten  Sonnenstrahlung,
annimmt.  Die  wahre  Lufttemperatur  könnte  dagegen  auch  auf  anderem  Wege,  als  dem  der  Einbringung
von  Thermometern  in  die  betr.  Luftmasse,  bestimmt  werden,  z.  B.  durch  Bestimmung  ihrer  Dichtigkeit  durch
die  Wage,  bei  bekanntem  äusseren  Druck,  oder  durch  Aequilibrirung  der  zu  prüfenden  Luft  mit  einer  Luftsäule ­
  von  genau  bestimmbarer  Temperatur.  Letzteren  Weg  hat  Joule  vorgeschlagen.  In  einem  oben  und
unten  offenen  Rohre,  das  mit  einem  Wassermantel  umgeben  ist,  hängt  eine  Metallspirale  mit  Spiegel.  Jede
Differenz  zwischen  der  Temperatur  der  Luft  im  Rohre  und  jener  der  Umgebung  bringt  einen  vertikalen
Luftstrom  im  Rohre  hervor,  der  die  Spirale  dreht.  Bringt  man  durch  Zumischung  von  kaltem  oder  warmen
Wasser  ein  vertikales  Gleichgewicht  hervor,  so  zeigt  ein  im  Rohre  aufgehängtes  Thermometer  die  genaue
Lufttemperatur  an.  Im  Freien  ist  diese  Methode,  des  Windes  wegen,  jedenfalls  nicht  zu  brauchen.
Zwei  Fragen  sind  es,  welche  bei  der  Bestimmung  der  „Lufttemperatur“  in  der  Meteorologie  von
entscheidender  Bedeutung  sind;  1)  wie  ertheilt  man  der  Thermometer-Kugel  die  genaue  Temperatur  der
dieselbe  augenblicklich  umspülenden  Luft?  und  2)  die  Temperatur  welcher  Luft  wollen  wir  messen,  um  das
„Klima“  eines  Ortes  kennen  zu  lernen?  Beide  Fragen  hat  man  früher  überwiegend  durch  allgemeine  Betrachtungen ­
  und  Wahrscheinlichkeits-Schlüsse  zu  beantworten  gesucht,  erst  in  den  letzten  Jahren  hat  man

Archiv  1S87.  2.

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