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III. Zusammenfassung.
Im Folgenden will ich versuchen, die Anschauungen kurz zusammenzufassen, zu welchen mich das
Studium der Frage der Lufttemperatur-Messung geführt hat, namentlich in Bezug auf die Nutzanwendung
der gewonnenen Resultate auf die Thermometer-Aufstellung.
1. Die Aufgabe der Meteorologie bei der Bestimmung der „Lufttemperatur“ ist eine zweifache:
erstens die wirkliche Temperatur der das Thermometergefäss umspülenden Luft zu bestimmen, und zweitens
dafür zu sorgen, dass diese Luft in Hinsicht auf ihre Temperatur eine gute Probe derjenigen Luft sei,
welche man untersuchen will. In ersterer Beziehung ist die Fälschung der Angaben durch Strahlung zu
bekämpfen, in letzterer hat man sich bewusst zu werden, die Temperatur von welcher Luft man bestimmen
will, und dafür zu sorgen, dass diese Luft möglichst unbeeinflusst durch Körper anderer Temperatur an
das Thermometer gelange.
2. Die Abweichung der stationären Temperatur eines von Strahlungseinflüssen getroffenen gewöhnlichen
Thermometers von der Temperatur der umgebenden Luft (der „Strahlungsfehler“) hängt vorzugsweise ab (a)
von der optischen Natur der Thermometer-Flüssigkeit, (p) von der Dicke (Leitung und Absorption) der Glas
hülle, (c) von der Grösse des Thermometer-Gefässes, (cl) von der Geschwindigkeit der Luftbewegung. Ist die
Glashülle sehr dünn, so verhalten sich Quecksilber-Thermometer beinahe wie blanke Metallkörper, d. h. sie
zeigen geringe Absorption für Strahlen aller Art, während Alkohol-Thermometer die stark brechbaren Strahlen
meist durchlassen, die Strahlen grösserer Wellenlänge aber absorbiren. Bei Thermometern gleicher Art
ist der Strahlungsfehler um so kleiner, je kleiner das Gefäss und je grösser die Geschwindigkeit der Luft-
Bewegung ist.
3. Die wichtige Frage, ob die Thermometer die wahre Temperatur der ihre Gefässe umspülenden
Luft angeben oder durch Strahlungseinflüsse von dieser abweichen, ob also der „Strahluugsfebler“ null,
positiv oder negativ, ist der Beobachtung nur schwer zugänglich. Da indessen der Strahlungsfehler, wie
oben gezeigt ist, von der Geschwindigkeit der Luftbewegung und von der Absorption respektive Emission
des Thermometer-Gefässes abhängt, so ist es möglich, durch Variiren dieser beiden Grössen mittelst
Ventilation oder Schleudern einerseits, Schwärzung des Thermometers andererseits, wenigstens die Existenz,
das Zeichen und die relative Grösse von Strahlungseinflüssen festzustellen. Soweit wir bei gleichzeitiger
Verwendung verschiedener Luftbewegung und verschiedener Absorptionsfähigkeiten merklich dieselbe
Temperatur erhalten, sind wir sicher, dass die Angaben der Thermometer von der wirklichen Lufttemperatur
nicht merklich abweichen — vorausgesetzt, dass die Luft selbst durch die angewandten Apparate oder
Manipulationen nicht thermisch beeinflusst ist.
4. Eine Beschirmung ändert, wenn sie die Temperatur der Luft garnicht beeinflusst, und ihre Masse sehr
gering ist, das thermische Gleichgewicht des Thermometers gleichwohl in folgender Weise: (a) die theils helle
theils dunkle Strahlung der Sonne, des Himmels und der Umgebung, wird durch die dunkle Strahlung des
Schirmes ersetzt, und (b) die Geschwindigkeit der Luftbewegung wird verringert. Wo die Temperatur der
Beschirmung von der Temperatur der Luft weniger abweicht, als jene der strahlenden Objekte, da wirkt
dieser Umstand dahin, den Strahlungsfehler zu verringern; allein dieser günstige Einfluss wird theilweise
wieder aufgehoben durch die Verringerung der Luftbewegung und bei Alkohol-Thermometern auch durch
die Verwandlung der leuchtenden Strahlen in dunkle. Im Gesammtresultat wird der Strahlungsfehler bei
Quecksilber-Thermometern mit grosser Kugel gewöhnlich durch Beschirmung verkleinert, bei solchen mit
kleiner Kugel und bei Alkohol-Thermometern aber nur wenig verringert, oder sogar vergrössert.
5. Eine Beschirmung, welche stets genau die Temperatur der umspülenden Luft besässe, würde alle
Hindernisse beseitigen, da in diesem Falle auch die Verringerung der Luftbewegung unbedenklich wäre;
eine solche Beschirmung ist aber unmöglich. Ebenso wie beim Thermometer selbst, wird auch hier die
Abweichung von der Temperatur der Luft um so grösser sein, je grösser der Körper (hier der Schirm) ist.
6. Eine fernere Ursache für Abweichung der Temperatur des Schirmes von der Lufttemperatur ist die
Aufspeicherung von Wärme in der Masse des Schirmes, wodurch dessen Temperatur hinter den Aenderungen
der Lufttemperatur nachbleibt.
7. Diese Abweichungen der Temperatur des Schirmes von jener der Luft wirken in der Regel nicht nur
durch Strahlung auf das Thermometer, sondern auch durch Aenderung der Temperatur der Luft selbst.