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Schleudern im Schatten der Hütte das Thermometer noch um 0.17° sank. Hr. Hazen erklärt-jedoch, dass
jene 0.44° sich nicht auf eine Erniedrigung des Thermometers unter die Temperatur der dasselbe umspü
lenden Luft, sondern auf die Abweichung der letzteren von derjenigen der Luft ausserhalb dieses Schattens
beziehen; der Schatten war im November etwa 100 Fuss lang und 30 breit, da der Schuppen, welcher ihn
warf, keine „kleine Hütte“, wie Hr. Wild meint, sondern 26 Fuss hoch und 30 Fuss lang war. Der direkte
Einfluss der Ausstrahlung nach dem Weltraum ist nach Hazen schon bei einem frei hängenden Thermo
meter nahezu Null, um so mehr bei einem geschleuderten — eine Behauptung, in welcher ich ihm
beistimmen zu müssen glaube. Um dieses Missverständniss, welches wohl durch eine nicht genügend scharfe
Ausdrucksweise des Hrn. Hazen bedingt war, dreht sich ein guter Theil jener Entgegnung des Hrn. Wild;
die Entstehung dieses Missverständnisses war natürlich nur möglich, weil Hr. Wild selbst dem direkten
Wärmeverlust des Thermometers durch Ausstrahlung nach dem Welträume eine viel grössere — wohl viel
zu grosse — Wirkung zutraut, eine Auffassung, welche, wie wir sehen werden, von Hrn. Ssaweljew auf
die Spitze getrieben wird.
Wichtig in dieser Polemik der Jahre 1884—85 war namentlich der von Hazen (wie es scheint unab
hängig von Aitken) hereingebrachte Vorschlag der gleichzeitigen Anwendung von Thermometern mit ver
schiedener Empfindlichkeit gegen Strahlung. Bei den neuen Versuchen, die Hr. Wild im Sommer 1885
ausführen liess, diente dieser Gedanke als leitender Gesichtspunkt. Hazen hatte ein Thermometer, dessen
Kugel geschwärzt war, mit einem solchen gewöhnlicher Art (Quecksilber und blanke Glasoberfläche) verbunden
und den Faktor, mit welchem deren Differenz multiplizirt werden muss, empirisch zu annähernd 1 bestimmt.
Wild hingegen wandte neben dem geschwärzten kein gewöhnliches, sondern ein Thermometer mit vergoldeter
Kugel an und suchte das Verhältniss ihrer Absorptionen aus den Melloni’scheu Kabinet-Versuchen ab
zuleiten , indem er den Stoff der Thermometerkugel beim vergoldeten = Gold, beim gewöhnlichen — Glas
setzte. Hieraus leitete Hr. Wild ab, dass die wahre Lufttemperatur t„ zu den Angaben des schwarzen
und des vergoldeten Thermometers (4 und t m ) das Verhältniss zeigen müsse t n — t, n -—O.ib (t s —t m ),
zu jenen des schwarzen und des blanken Thermometers (t b ) aber das Verhältniss t a — t b — 9 (t„—t b ),
also die Konstante im letzteren Falle 60mal grösser sei. Diese von Hrn. Wild schon in dem eben be
sprochenen Aufsatz in der 0. Z. f. M. gegebene Ableitung der Konstante wiederholt derselbe auch in seiner
Abhandlung im Repertorium für Meteorologie X, No. 4, welche die Versuche an 7 klaren Tagen in den
Monaten Juni bis September 1885 enthält. Er geht aber auf den grellen Widerspruch, in welchem sie zu
den von ihm selbst mitgetheilten Beobachtungsresultaten steht, nicht ein, obwohl er das sonderbare Resultat
erhält, dass das blanke Thermometer meistens noch etwas mehr von dem berussten abwich, als selbst das ver
goldete. Der Hauptgrund desselben liegt jedenfalls in einer irrigen Auffassung desVerhältnisses zwischen der
blanken und der vergoldeten Thermometer-Kugel; wir dürfen die Emission und Absorption weder bei der
ersteren gleich jener des Glases, noch bei der letzteren gleich jener des Goldes setzen; denn bei der
Diathermansie beider Stoffe und der Dünne der Schichten kommen die Eigenschaften der Unterlage
entscheidend in Betracht. Und weil bei der gleichzeitigen Wirkung von Strahlung und Leitung die stationäre
Temperatur vom Verhältnisse beider abhängt, so beeinflussen kleine Unterschiede in der Leitungsfähigkeit
der Kugelhülle dieselbe ganz bedeutend. Ist die Thermometerkugel, wie bei den feinen Thermometern jetzt
gewöhnlich, aus sehr dünnem Glase, so verändert diese dünne Hülle die Strahlung der metallischen Queck
silber-Oberfläche noch sehr wenig und es kann das vergoldete Thermometer, auch wenn nicht zufällig schon
durch die Form der Kugel oder eine etwas dickere Glashülle das Verhältniss zwischen Leitung und Strahlung
zu Ungunsten der ersteren verschoben ist, durch den Goldüberzug selbst unter Umständen empfindlicher
gegen Strahlung gemacht werden; ist dieser nämlich sehr dick, so verringert er die Leitung, ist er sehr
dünn, so lässt er gerade die stärker brechbaren Strahlen der Sonne (grün) in erheblichem Maasse durch,
und zwar in grösserem, als die dunklen Strahlen seiner erwärmten Unterlage.
Aus diesen Gründen können wir die von Hrn. Wild berechneten „wahren Lufttemperaturen“, welche
sogar um */2° bis 1° über der Temperatur des von zurückgeworfenen Sonnenstrahlen getroffenen Schleuder-
Thermometers liegen, ja am 3. Juli selbst über dessen Temperatur in den direkten Sonnenstrahlen, nicht
als solche anerkennen, und beziehen wir darum in der folgenden Uebersicht die vom Verfasser angegebenen
Differenzen alle auf das Schleudertliermometer im Schatten der Hütte, dessen Angaben jedenfalls auch noch
etwas — nach unseren eigenen Versuchen zu urtheilen etwa um 0.3° — zu hoch sein werden gegen die
wirkliche Temperatur der an der Thermometerkugel vorbeistreichenden Luft.