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Aius dem Archiv der Deutschen Seewiarte. — 48. Bd. Nr. 1.
Aus dem oben Gesagten geht hervor, daß besonders bei hohen Lufttemperaturen die Verminderung
der relativen Feuchtigkeit anfangs langsam, fast linear fortschreitet, daß dieser Kurventeil aber bei ge
ringer werdenden Temperaturen immer steiler abfällt; doch steigt jede Kurve bei fallender Feuchtigkeit
asymptotisch bis zu den höchsten Austrocknungswerten an. So haben wir für t = 30° einen konstan
ten Verlauf von 100% bis 35%, für 20° bis 40%, für —10° bis 65% und für —20° bis 85%. Für —30°
finden wir überhaupt keinen Kurventeil von langsamem Anstieg. Eine rasche Vermehrung beginnt für
t = 30° bei 20%, für 20° bei 25%, für 10° bei 30%, für 0° bei 40%, für —10° bei 50% und für —20°
E dE
bei 70%. Z. B. gilt der gleiche Wert _P =50 für 30° und 7%, 20° und 10%, 10° und 15%, 0° und
edP
25%, —10° und 41%, — 20° und 81%.
Dieses Beispiel im Besonderen und der Charakter der Kurven (Figur 2 und 3) im allgemeinen
zeigen deutlich, warum nur bei sehr niedrigen Feuchtigkeiten gewisse (physiologisch) fühlbare Be
lästigungen auf treten, da nur dann die Evaporationskraft in außerordentlicher Weise
zunimmt; eine kleine Abnahme der absoluten oder relativen Feuchtigkeit, falls diese an sich sehr
niedrig ist, bewirkt eine außerordentliche Zunahme der Evaporationskraft.
Die relative Feuchtigkeit ist kein uneingeschränktes Maß für die Wasserabgabe der Gegenstände.
Es ist weder im geoklimatischen (pflanzliche Verdunstung, Verdunstung von Wasser
ansammlungen, einschließlich des gefrorenen Wassers (43)) noch im bioklimatischen Sinne
zulässig, die-relative Feuchtigkeit für das ganze Intervall von 0% —100% als
ein Maß für die WasS,erabgabe von Objekten oder für die Luftfeuchtigkeit
überhaupt, besonders soweit die Organismen in Frage kommen, anzusehen.
Der Austrocknungswert, welcher aus Tafeln mit Leichtigkeit berechnet werden kann, muß die rela
tive Feuchtigkeit ersetzen.
Doch ist zu betonen, daß, auch wenn der Austrocknungs wert im Gegensatz zur relativen Feuchtig
keit die Temperatur der Umgebung in Gestalt der Oberflächentemperatur einschließt, er für seine Wer
tung (ebenso wie das Sättigungsdefizit, die relative und die absolute Feuchtigkeit) besonders im bio
klimatischen Sinne (44) die Angabe der Lufttemperatur oder besser der Dornoschen Abküh
lungsgröße benötigt. Es ist physiologisch ein großer Unterschied, ob die gleiche Evaporationskraft
bei einer niedrigen oder bei einer hohen Temperatur vorhanden ist, ob unter Umständen sogar Wärme
stauung besteht (45). Bei niedrigen Temperaturen schließen sich z. B. die Schweißdrüsen, so daß der
Körper in diesem Falle einen Schutz gegen ein Uebermaß der Wasserabgabe besitzt (69).
Austrocknungswert und Sättigungsdefizit.
Zur Messung der Evaporationskraft wird gewöhnlich das Sättigungsdefizit (vergl. (18) und (21))
angewendet, welches der Verdampfungsgeschwindigkeit besser entspricht als die relative Feuchtigkeit.
Alle Verdampfungsformeln (Trabert, Dalton) (46) enthalten diese Differenz.
Betrachten wir in Figur 2 den Verlauf des durch einen konstanten Faktor dem Austrocknungswert
vergleichbar gemachten Sättigungsdefizits, so finden wir für einen großen Teil der Kurve eine gute
Uebereinstimmung zwischen
E t dE ~
1 und E. —• e
edt
Die Gerade des Sättigungsdefizits schneidet als Sekante die Kurve der Austrocknung; bei höheren
Temperaturen wird ein größerer Bogen abgetrennt, bei mittleren ein kleiner, und bei niedrigen Tem
peraturen nähert sich die Sekante der Tangente.