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Es ist eine bekannte Thatsache, dass im Eisen, wenn dasselbe längere Zeit hindurch Erschütterungen aus
gesetzt wird, magnetische Pole entstehen, deren Intensität direkt proportional ist der Stärke der Erschütterun
gen, dem Härtegrade des Eisens und der Länge der Zeit, während welcher die Erschütterungen stattfinden.
Diese Pole verschwinden durch ebenso starke Erschütterungen in entgegengesetzter Richtung, oder auch,
wenn die Erschütterungen nicht zu starker Natur waren, durch die lange andauernde Wirkung eines gleich
namigen magnetischen Poles; demnach auch durch die Wirkung des Erdmagnetismus, wenn dieser in ent
gegengesetzter Richtung induzirend wirkt. Das Eisen eines in Fahrt befindlichen Schiffes ist fortwährenden
Erschütterungen ausgesetzt (Seegang, Maschine u. s. w.), daher werden die durch V und V' bezeichneten
Kräfte der Hauptsache nach durch diese Erschütterungen entstehen, und somit jederzeit proportional sein
der Grösse der induzirenden Kraft, also proportional der Totalintensität des Erdmagnetismus am Schiffsorte;
und zwar wird sein:
V = — v Tcos a
V’ <= —v'Tsina,
wo a den Winkel bezeichnet, den die Projektion der Richtung der erdmagnetischen Kraft auf die Horizontal-
Ebene des Kompasses (der magnetische Meridian) mit der Längsschiffs-Richtung bildet. Das Vorzeichen —
der Kraft entsteht, weil der nach vorn und Steuerbord gedachte induzirende Südpol in dieser Richtung Nord-
Magnetismus erzeugt. Bezeichnen wir nun noch durch Lp*) den magnetischen Kurs, welchen das Schiff
während der Aufnahme dieser Art von Magnetismus, welche wir „remanent“ nennen wollen, steuerte,
so ist: a == 360°—'C P
und wir erhalten daher:
V = —v Tcos Lp, und
V — v’Tsin 'C P .
Diese Ausdrücke in unsere obigen Formeln für 53 und (5 eingesetzt, erhalten wir:
33 = — 1 —
43 IR
v T cos Lp 1
+ y tang &
6
_ Q. JL , v'TsinZp l_,f_ f ,,
~ X R + l H + ). *
oder da
T
H
— sec 0
53 =
6 =
PI
h
~ sec & cos L P + ~ tang 0-
/ /»
V
«-L + -
sec sin Lp + -j-tang &
L
i
Letztere Substitution ist nicht strenge richtig, indem T die Totalintensität des Erdmagnetismus während
der Zeit der Aufnahme des remanenten Magnetismus bezeichnet, demnach dafür etwa nur ein Mittelwerth
aus den verschiedenen magnetischen Intensitäten, welche das Schiff in dieser Zeit durchlaufen hat, einge
führt werden könnte, während H die Horizontal - Intensität am Schiffsorte selbst bezeichnet. Indess wird
dieser Fehler für die Praxis selten merklich werden, da sich nach den bisher gemachten Erfahrungen er
geben hat, dass unter Lp derjenige magnetische Kurs zu verstehen ist, welcher den Schiffsort mit dem in
zurückgelegten Track um 200 Seemeilen entfernt liegenden Punkte verbindet. In einer Distanz von 100 See
meilen aber wird, abgesehen von ganz hohen magnetischen Breiten, die sec der Inklination keine erhebliche
Veränderung erleiden. Auf hohen magnetischen Breiten kann man hierauf Rücksicht nehmen, indem man
sec -9- für einen etwa 100 Seemeilen im Track rückwärts liegenden Ort bestimmt.
Dass v und v' überhaupt nicht konstante Werthe im strengen Sinne des Wortes sind, ist klar, da ihre
Grösse abhängen wird von der Stärke der Erschütterungen, denen das Schiff in der letzten Zeit ausgesetzt
war, und der Empfindlichkeit des Eisens, diesen Erschütterungen gegenüber remanenten Magnetismus auf
*) Cursus praeteritus.