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XXI. Charakteristik der einzelnen Zugstrassen und ihre Beziehung zu den Witterungs-Phänomenen.
1. Zugstrasse I, a) kältere Jahreszeit. Obgleich der Kern der bei dieser Zugstrasse in
Betracht fallenden Depressionen im hohen Nordwesten über Island und Umgehung liegt, so ist dieselbe für
das Wetter und das Klima überhaupt in Europa die wichtigste. Denn dieselbe verlangt die Entwickelung
niederen Luftdrucks nördlich oder nordwestlich von Europa, und hierdurch sind alle Bedingungen für einen
milden Winter, wenigstens für Nordeuropa gegeben, wie es Hoffmeyer zweifellos nachgewiesen hat. Ob
dieser sich auch auf unsere Gegend erstreckt, ist lediglich durch die Lage des barometrischen Maximums
bedingt. In den meisten Fällen lagert dieses über Oesterreich-Ungarn, in anderen über Süd-Europa, etwa
Süd-Frankreich oder der Alpengegend, zuweilen auch über Zentral-Europa. Diese 3 Fälle verhalten sich
der Häufigkeit nach, mit Rücksicht auf das angewandte Material, wie 10 : 4 : 5. In den ersteren Fällen
trennt sich in der Regel ein sekundäres Maximum los, so dass ein Maximum über der Alpengegend und ein
anderes über Ungarn lagert. Das Luftdruck-Maximum ist nichts anderes, als die Verlängerung des grossen
Maximums, welches in der kälteren Jahreszeit beständig über dem asiatischen Kontinent lagert. Der Effekt
dieser Situationen ist nun folgender:
1) Bei der Lage des Maximums über Südost-Europa hat die ozeanische Luft über Nord- und Mittel-
Europa freien Zutritt und daher wird warmes Wetter mit südwestlicher Luftströmung die Regel sein. Das
Regengehiet wird hauptsächlich im nordwestlichen Europa liegen und nur das nördliche Deutschland häufiger
von demselben aufgenommen sein. Als Beispiele führen wir den 11. und 12. Oktober 1876 an, wo bei
dieser Situation in ganz Deutschland ausserordentlich warmes Wetter herrschte, so dass die Temperatur
bis zu 10° die Normale übertroffen hatte. Ausserdem sei bemerkt, dass die Wetterkarte vom 12. Oktober
die vorhin erwähnte Trennung der beiden Maxima über dem Alpengebiete und Oesterreich-Ungarn sehr
deutlich zeigt. Ebenso zeigen die Wetterkarten vom 30. und 31. jene Erscheinung sehr schön: am 30.
hatte unter Einfluss lebhafter ozeanischer Winde die Temperatur über ganz West-Europa die Normale
überschritten, das Thauwetter war bis Petersburg vorgedrungen, aber in Haparanda herrschte noch 24° Kälte.
Allein am 31. war auch hier die strenge Kälte dem Thauwetter gewichen, während in ganz Deutschland
die Temperatur 6—12° über der Normalen lag.
Wie unsere Karten nachweisen, ist bei dieser Wetterlage die mittlere Bewölkung über dem Gebiete
südlich von der Nord- und Ostsee nicht sehr erheblich, so dass die Ausstrahlung eine wichtige Rolle
spielen kann, wodurch dann die Temperatur niedriger wird, wenn der ozeanische Luft-Transport gehemmt
oder aufgehoben wird. Dieses ist der Fall, wenn sich der hohe Luftdruck zungenförmig etwa nordwestwärts
nach den britischen Inseln hin erstreckt, so dass also die Isobaren über West-Deutschland und Frankreich
süd- und südostwärts abbiegen, wodurch in unserer Gegend südöstliche kontinentale Luftströmung bedingt
wird. Ein sehr hübsches Beispiel bieten die Wetterkarten vom 26. Januar bis zum 7. Februar 1880.
Obgleich in dieser Zeit beständig Depressionen und vielfach intensive über Nordwest-Europa auf Zug
strasse I fortschritten, so blieb das Wetter über Zentral-Europa andauernd ausserordentlich kalt und erst
am 9., als eine Depression im Südwesten der britischen Inseln erschien und den Luft-Transport vom
Ozean nach dem Kontinente wiederherstellte, erfolgte in Deutschland wieder rasche Erwärmung.
2) Das barometrische Maximum liegt über Süd-Europa, etwa über Spanien, Süd-Frankreich oder dem
Alpengebiet. Auch bei dieser Lage ist die ozeanische Luftströmung entschieden vorherrschend und das
Wetter warm und feucht. Dieses war beispielsweise die Situation vom 1. bis 3. Januar 1880, an welchen
Tagen die Temperatur bei trübem, regnerischem Wetter die Normale in Deutschland bis zu 10° übertraf.
3) Liegt indessen das Maximum über Zentral-Europa selbst, so werden hierdurch kontinentale Winde
bedingt. Diese Situation ist charakteristisch durch ruhiges und (abgesehen von Boden-Nebeln) heiteres,
trockenes Wetter und strenge Kälte. Die Wetterkarten vom 9. bis 27. Dezember 1879, welche Tage durch
anhaltende und ausserordentlich intensive Kälte merkwürdig sind, liefern hierfür zahlreiche Beispiele. Am
29., als das Maximum südwärts nach Süd-Europa gewandert war, erfolgte rasche und starke Erwärmung.
In Bamberg stieg die Temperatur vom 28. auf den 29. in 24 Stunden von —22.4° auf +0.7°, also um 23°,
in München von —18.8° auf +3.0°.
Zuweilen kommt es vor, dass, während die Depression auf der Zugstrasse fortschreitet, hoher
Luftdruck von Südwest - Europa sich nach Frankreich verschiebt, wie z. B. am 15. —19. Oktober 1877