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Archiv 1882. 3.
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Die Fortpflanzung der Depressionen erfolgt annähernd in der Richtung der
überwiegenden Bewegung der ganzen Luftmasse in der Umgebung der Depression.*)
Dieser Satz, welcher mit sehr wenigen Ausnahmen, deren Erklärung noch aussteht, als allgemein
gültig angenommen werden kann, dient der Annahme zur Stütze, dass die atmosphärischen Wirbel von der
allgemeinen Luftströmung getragen werden. Je stärker also diese Gesammt-Strömung ist, um so rascher
muss auch die Depression fortschreiten, eine Folgerung, welche mit den thatsächlichen Verhältnissen
durchaus übereinstimmt. Hierin hat auch die Thatsache ihre Begründung, dass die Theilminima, Rand
bildungen auf der Südseite der Depressionen meistens so ausserordentlich rasch fortschreiten, indem hier
obere und untere Strömungen fast dieselbe Richtung haben und der stets gleich gerichtete Gradient mit
der Höhe stetig zunimmt.
Indessen dürfen wir hier einen wichtigen Umstand nicht vergessen, welcher zuweilen störend auf die
von uns besprochenen Verhältnisse einwirkt und so die Gültigkeit des obigen Satzes scheinbar beeinträchtigt.
Es ist nämlich die Temperatur-Vertheilung an der Erdoberfläche für diejenige der ganzen Luftsäule, auf
welche es doch gerade ankommt, in vielen Fällen nicht maassgebend, indem die Temperatur-Aenderungen
mit der Höhe ausserordentlich vielen unregelmässigen, hauptsächlich durch vertikale Luft-Bewegungen
hervorgerufenen, Schwankungen unterworfen ist. Beispielsweise ist bekannt, dass insbesondere zur Winter
zeit über einem Gebiete hohen Luftdrucks, wohin die den Depressionen entströmende Luft mit Zunahme
der Wärme und Trockenheit herniedersteigt, sich meistens die Verhältnisse umkehren, so dass in Gebirgs
gegenden über stark erkalteten Thälern in der Höhe oft milde Frühlingslüfte wehen. Die Abnahme der
Temperatur mit der Höhe ist für das Verständniss der allgemeinen atmosphärischen Strömungen und der
Fortpflanzung der Depressionen ein sehr wichtiges Moment und die Kenntniss derselben bei der jeweiligen
Wetterlage würde für die Beurtheilung des kommenden Wetters von hervorragender Bedeutung sein,
weshalb die Organisation von Gipfelstationen und die Veröffentlichung ihres Beobachtungs - Materials in
extenso nicht dringend genug anempfohlen werden kann. Die Temperatur-Abnahme mit der Höhe in der
Umgebung der Depressionen hat Hildebrandsson in einer neueren Abhandlung**) für die kältere Jahres
zeit Oktober-April der Zeitepoche vom 1. Januar 1877 bis zum 31. März 1883 für die Stationen Clermont-
Ferrand und den Gipfel des Puy-de-Dôme untersucht. Die Seehöhen dieser Stationen betragen resp. 388 und
1467 m (Differenz 1079 m). Wir geben die Resultate dieser Untersuchung durch nachstehende Tabelle
wieder, indem wir die Temperatur-Unterschiede an beiden Stationen nach der Richtung des Gradienten
für die verschiedenen Werthe des Luftdruckes zusammenstellen. Die Zahlen bedeuten Temp, in Clermont —
Temp, auf Puy-de-Dôme.
1 J Tabelle XI.
1
Luftdruck
[ unter 745 mm
N
8.6
Der Gradient ist
NE E SE
gerichtet nach:
S SW W
— — 8.0
NW
8.9
Minimum >
745—755 „
8.9
7.5 8.2
6.1
6.1
6.8 6.5
7.7
1
( 755—760 „
8.0
8.0 8.1
6.6
5.3
6.9 3.3
6.4
1
f 760—765 „
7.7
8.1 7.9
6.8
4.4
2.3 2.5
4.4
Maximum 1
i über 765 „
5.8
6.6 6.2
3.4
—0.8
—2.7 —2.2
—0.5
im Minimum 6.2,
im Maximum 2.1,
zwischen
zwei
Minima 2.2.
Hieraus geht hervor, dass die Temperatur-Abnahme mit der Höhe ihren höchsten Werth in der
unmittelbaren Umgebung des Depressions - Zentrums hat, und mit der Entfernung von diesem ahnimmt.
In der Nähe des barometrischen Maximums wechselt dieselbe bei gewissem Gradienten ihr Zeichen, so
dass hier im Mittel die Temperatur in der Höhe höher ist, als an der Erdoberfläche. Dabei hat die
Richtung der Gradienten einen merklichen Einfluss auf die vertikale Temperatur-Abnahme. Diese erreicht
den grössten Werth, wenn der Gradient nach Nord oder Ost gerichtet ist, bei umgekehrter Richtung den
*) Vgl. hierzu Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, Jahrgang 1882. Koppen: „Ueber den Einfluss der
Temperatur-Vertheilung auf die oberen Luftströmungen und auf die Fortpflanzung der barometrischen Minima,“
und Ferrel: „Meteorological researches.“
**) H. Hildebrand Hildebrandsson: Sur la distribution des éléments météorologiques autour des minima et des maxima
barométriques. Nova Acta Reg. Soc. Sc. Ups. Ser. III.