510 Annalen der Hydrographie und Maritimen IMeteorologie, November 1937,
Zur Verdeutlichung seien nur als Beispiel die Verhältnisse im tropischen
Atlantischen Ozean herangezogen. Der Nord- und Südäquatorialstrom sind samt
ihren subtroposphärischen Unterströmungen nach den Ergebnissen von A, Defant“)
gegen W gerichtet und laufen damit der Ausbreitungsrichtung des darunter-
liegenden subantarktischen Zwischenwassers größtenteils entgegen. Nach der
Aufspaltung vor Kap Sao Roque bleiben für dien gegen SSW gerichteten Brasil-
strom ähnliche Verhältnisse bestehen, während der gegen NW gerichtete Guayana-
strom mit der Ausbreitung des subantarktischen Zwischenwassers gleichgerichtet
ist. Die Entscheidung, ob im letzten Falle die Grenzschicht gegen das Zwischen-
wasser zu wählen ist, in der aber eine Bewegung in Richtung der beiden Zirku-
lationsglieder anzunehmen ist, oder ob erst eine Bezugsfläche an der Untergrenze
des Zwischenwassers verwendet werden soll, wird ganz durch die Problemstellung
der betreffenden Untersuchung diktiert sein. Für die meisten quantitativen
Fragen der angewandten dynamischen Ozeanographie erscheint es aber am
sinnvollsten, da man Guayana- und Brasilstrom als Glieder ein und desselben
troposphärischen Zirkulationssystems anzusehen hat, beiden in Verbindung mit
den Äquatorialströmen auch die gleiche zusammenhängende und dem hydro-
graphischen Aufbau eingefügte Bezugsfläche zugrunde zu legen, Andernfalls zer-
reißt man innere Zusammenhänge und läuft Gefahr, in ein schwer entwirrbares
Auf- und Absenken der Bezugsfläche zu geraten (vgl. Definition des Golfstromes
von CC, O’D. Iselin, S. 514).
Wir gelangen also abschließend zu der Vorstellung, daß die Grenzschichten
im Aufbau der oberen Zirkulationsglieder im Ozean am ehesten eine sinnvolle
dynamische Bezugsfläche abgeben. Die Forderung, daß sich die Bezugsfläche
dem hydrographischen Aufbau einfügen muß, wird damit zugleich erfüllt. Aller-
dings muß man sich darüber im klaren sein, daß auf Grund dieser den Bedürf-
nissen und auch den gegenwärtigen Möglichkeiten der angewandten dynamischen
Ozeanographie angepaßten Bezugsfläche nicht mehr allgemein die absolute dyna-
mische Topographie ermittelt werden kann,
B. Beispiele für die Bedeutung der „dynamischen Bezugsfläche“,
Nach diesen allgemeinen Erörterungen mögen im folgenden ein paar prak-
tische Beispiele die gegenwärtige Bedeutung der Wahl der dynamischen Bezugs-
fläche und die Notwendigkeit einer Stellungnahme in das richtige Licht rücken.
Wir verwenden als erstes Beispiel einen Golfstromschnitt, der von dem
amerikanischen Forschungsschiff „Atlantis“ zwischen der Chesapeake-Bucht und
den Bermuda-Inseln in der Zeit vom 20. bis 23, April 1932 ausgeführt wurde,
Er stammt aus einer Region, in der der Golfstrom bereits den amerikanischen
Kontinentalabfall verlassen hat. Dieser Schnitt (s. Dichteverteilung, Abb. 1), von
dem wir die Stationen 1225—12312) benutzen, ist bei der Vollständigkeit und
Güte sowie bei der großen vertikalen und horizontalen Dichte der Beobachtungen
in letzter Zeit vielfach für die Diskussion von Golfstromfragen herangezogen
worden. Darum ist die vorliegende Betrachtung, in der die dynamischen Topo-
graphien auf drei verschiedene Flächen bezogen werden, nämlich auf die 2000-
und 1000-d-bar-Flächen und auf die Tiefenlage des O,-Minimums, nicht nur als
ein rein rechnerisches Beispiel aufzufassen“), Jede dieser drei Bezugsflächen
wurde von verschiedenen Verfassern tatsächlich quantitativen Untersuchungen
zugrunde gelegt,
J. P. Jacobsen?) veröffentlichte 1929 Karten der dynamischen Topographien
des Nordatlantischen Ozeans für die Oberfläche und für die 200-, 500- und 800-
A-bar-Flächen, für die die Voraussetzung angenäherter Bewegungslosigkeit in
u) A, Defant: Schichtung und Zirkulation des Atlantischen Ozeans. Die Troposphäre, Wiss,
Erg. d. Deutschen Atlaut, Exp. „Meteor“, Bd, VI, 1, Teil, 3. Liefg. Berlin 1936, — 2%) Bulletin
hydrographique pour Vannege 1932, Cons. Perm, Int, p. VExpl, de la Mer, Kopenhagen 1933.
*) Temperaturen und Salzgehalie der Stationen 1231 sind ab 986 m, 12 0 ab 1800 m und 1228
ab 1255 m aus Vertikalschnitten und Kurven für die Berechnung bis 2000 m extrapoliert worden,
2) J. P. Jacobsen: Contribution to the hydrography of the North Atlantic, The Danish „Dana“-
Expeditions 1920—1922, Kopenhagen 1929.