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Aunalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1937.
Über die Schwankungen der Passatgrenzen.
Von H. Regula, Hamburg, Deutsche Seewarte,
(Hierzu Tafel 58 mit Figur 1.}
Hinsichtlich der Witterung in der Tropenzone des Atlantischen Ozeans
besteht vielfach die Vorstellung, daß es dort ein „Wetter“ im üblichen Sinne
nicht gäbe, daß vielmehr die Veränderlichkeit des Wetters darin bestehe, daß
die Passat- bzw, Monsungrenzen im jahreszeitlichen Rhythmus wandern und damit
die Luftkörper wechseln. Die Beobachtungen der Luftschiffe und der Lufthansa-
Augboote sowie der Schiffe zeigen dagegen — in voller Übereinstimmung mit
früheren Schiffsbeobachtungen —, daß auch in den tropischen Teilen des Atlantiks
ein kurzfristiges unperiodisches Wettergeschehen herrscht. Nicht nur die Bewöl-
kungs- und Niederschlagsverhältnisse können rasche Wechsel zeigen, wie ver-
schiedentlich auf den Fahrten der „Westfalen“ zwischen Westafrika und Süd-
amerika festgestellt wurde, sondern auch die Windverhältnisse sind raschen Ände-
rungen unterworfen, indem die Grenzen vom Passat- bzw. Monsunluftkörper sich
um mehrere Breitengrade innerhalb einiger Tage verschieben können, Diese
Feststellung geht schon aus der Arbeit von Wendling!) eindeutig hervor.
Die Luftschiffreisen der Jahre 1935/36 haben weiteres zahlreiches und in
sich einheitliches Beobachtungsmaterial aus dieser Zone gebracht. Die Luftschiffe
jegen die Strecke von den Cap Verdeschen Inseln bis Fernando Noronha in etwa
24 Stunden zurück, Sie durchqueren somit den Nordostpassat, Südostpassat und —
sofern vorhanden — den Südwestmonsun in verhältnismäßig kurzer Zeit, Die Fahrt-
höhe beträgt sehr einheitlich 200 m und in dieser Höhe wird auch der Wind mit
Hilfe von Abdriftmessungen bestimmt. Zur Kennzeichnung der Genauigkeit dieser
Messungen möge der Hinweis dienen, daß sich die Führung des Luftschiffs weniger
auf die Ortsbestimmung nach Funkpeilungen als auf die Standortbestimmung mit
Hilfe des Koppelkurses (gesteuerter Kurs + Windversetzung) verläßt. Auch bei
den Ozeanflügen der Lufthansa spielt der Koppelkurs eine entscheidende Rolle.
Die Zusammenstellung der Einzelbeobachtungen als Funktion der Jahreszeit
und der geographischen Breite zeigt das Zurückweichen des Nordostpassats
während des Frühjahrs und sein erneutes Südwärtsdrängen gegen Ende des
Sommers (Fig. 1, Tafel 58). Hinter dem zurückweichenden Nordostpassat drängt
der Südostpassat nach, dessen Grenzlinie vom Juni bis in den Oktober hinein
nördlich des fünften Breitenkreises liegt, wobei im allgemeinen durch die ab-
lenkende Kraft der Erdrotation eine Umbiegung auf Süd und nördlich des
{fünften Breitengrades eine Weiterbiegung auf Südwest bis West erfolgt.
In Fig. 2 (s. S. 459} sind Bahnen dargestellt, die Luftteilchen beschreiben würden,
welche mit der angegebenen Richtung und Geschwindigkeit von der Südhalbkugel
auf die Nordhalbkugel übertreten, Vorausgesetzt bei der Rechnung wurde, daß
die Bewegung reibungslos erfolgt und daß keine Luftdruckunterschiede auftreten,
Die Bahnrichtungen in den einzelnen Breiten stimmen im wesentlichen mit den
beobachteten Windrichtungen überein, Die sich (nach dem theoretischen Ansatz)
mit wachsendem Abstand vom Aquator ständig vergrößernden Geschwindigkeiten
werden in Wirklichkeit durch die stärker werdende Reibung abgebremst; außer-
dem werden die vorhandenen Druckgradienten das Bild der Luftbewegung beein-
Mussen. So werden jene Luftteilchen, die z. B. Fernando Noronha als Südost-
winde passieren, nördlich des Äquators im allgemeinen nicht nach rechts abgelenkt,
sondern bleiben unter dem Einfluß der zum südamerikanischen Kontinent hin
gerichteten Gradientkraft des Amazonastiefs Südostwinde. Jene Teile des Südost-
passats dagegen, die bei etwa 20° Westlänge den Aquator überschreiten, werden
Außer durch Rechtsablenkung infolge der Erdrotation auch noch durch die
Wirkung des sommerlichen Wärmetiefs über der Sahara nach Osten zu um-
gebogen. Außer den genannten Tiefdruckgebieten sind das südatlantische Roß-
breitenhoch und der zu den Cap Verdeschen Inseln gerichtete Keil des Azorenhochs
maßgebend für die Druck- und Windverteilung über dem tropischen Atlantik.
4y Wendling: „Die äquatorialen Passatgrenzen und der Calmengürtel des Atlantischen Ozeana.
Ann. d. Hydr. 1911.