Wagner, A: Die allgemeine Zirkulation im strengen Winter 1928/29, 457
Es ist hier am Platze darauf hinzuweisen, daß bereits vor 40 Jahren
W, Meinardus!) angeregt hat, auf der Grundlage der Erhaltungstendenz der
allgemeinen Zirkulation langfristige Prognosen zu versuchen, Es muß über-
raschen, daß Meinardus außerordentlich hohe Trefferprozente (z.T. bis über
90%) auch dann erhält, wenn er aus der Druckverteilung im Winter auf Tempe-
raturabweichungen im Frühling schließt, während sich aus den Zahlenwerten
von A, Defant und A. Peppler nur für die drei Wintermonate eine brauchbare
Erhaltungstendenz ergibt. Ich habe daher auf Grund der im World Weather
Record zusammengestellten Monatswerte die Beziehung, welche nach Meinardus
am stärksten ausgesprochen ist, überprüft und hierbei auch noch die neueren
Zahlenwerte bis 1930 mit herangezogen.
In der unten zitierten Arbeit!) versucht Meinardus u.a. als Maß für die
Intensität der allgemeinen Zirkulation im Nordatlantischen Ozean die Druck-
differenz Kopenhagen—Stykkisholm zu benützen und vergleicht damit die darauf-
folgenden Temperaturen in Kopenhagen. Aus den 47 Jahren 1846 bis 1892
erhält Meinardus das günstigste Ergebnis, wenn er die Temperaturen Kopen-
hagens für die Monate März und April auf Grund des Verhaltens der Druck-
differenz im vorangegangenen Winterhalbjahr (September bis Jänner) beurteilt,
und zwar beziehen sich die erhaltenen Ergebnisse nicht auf die Anomalie dieser
beiden Elemente selbst, sondern auf die Änderungen derselben gegenüber dem
vorangegangenen Jahre,
Mit den Zahlen des World Weather Record erhielt ich aus den 45 Wertepaaren der
Jahre 1846 bis 1892 im Sinne Meinardus’ 39 Treffer (87%); in den folgenden
38 Jahren dagegen nur 19 Treffer und ebensoviel Versager. Aus den insgesamt
83 Wertepaaren ergeben sich 58 Treffer, d, s. 70%. Die außerordentlich günstigen
Ergebnisse der ersten Periode finden also in den folgenden Jahren keine Bestätigung,
Geht man von den Vorzeichen der Anomalien selbst aus (ohne Rücksicht
auf die Änderung gegenüber dem Vorjahre), fragt also, wie oft nach einem
übernormalen Druckgradienten Kopenhagen-—Stykkisholm im Winterhalbjahr
(IX bis I) eine übernormale Temperatur in Kopenhagen im Mittel der Monate
März und April eintritt, so erhält man aus den von Meinardus benützten
46 Jahren 33mal dasselbe Vorzeichen, 12mal das entgegengesetzte und 1mal eine
Anomalie Null (72% Treffer); die folgenden Jahre dagegen ergeben nur 17 Treffer
und 21 Versager, in den 84 Jahren also 50 Treffer, d. 8. 60%. Diese nur schwach
ausgesprochene Erhaltungstendenz vom Winter zum Frühling entspricht durchaus
den Verhältnissen, wie sie aus den Zahlenwerten von A. Defant und A. Peppler
hervorgehen: Nur in 58% der Fälle ist das Vorzeichen der Anomalie der all-
gemeinen Zirkulation im Nordatlantischen Ozean im Mittel der fünf Monate
IX bis I einerseits und der beiden Monate III und IV andererseits dasselbe.
In einem nach Abschluß dieser Arbeit veröffentlichten Artikel findet F, Baur?)
ebenfalls (auf Grund anderen Beobachtungsmaterials), daß die von Meinardus
gefundenen Beziehungen sich in der Folgezeit nicht bestätigen.
Wenn nun neuerlich die Aufmerksamkeit auf die Erhaltungstendenz der
allgemeinen Zirkulation gelenkt wird, so muß berücksichtigt werden, daß in den
vergangenen 40 Jahren nicht nur erheblich mehr Beobachtungsmaterial für die
kritische Beurteilung solcher Beziehungen hinzugekommen ist, sondern daß sich
auch seither die Kenntnis über die Schwankungen der allgemeinen Zirkulation
wesentlich vertieft hat, Es ist ja (vgl. das Zitat auf S, 450) sehr wahrscheinlich,
daß sich die langfristigen Prognosen, welche mit Hilfe von Korrelationen zwischen
meteorologischen Elementen weit entfernter Gebiete aufgestellt werden, im Grunde
genommen auf die Erhaltungstendenz der Anomalie der allgemeinen Zirkulation
stützen. Bestätigt sich diese Ansicht, dann ist es natürlich zweckmäßiger, von
vornherein solche Faktoren heranzuziehen, welche die Intensität der allgemeinen
Zirkulation am verläßlichsten zum Ausdruck bringen.
ı) W. Meinardus, Über einige meteorologische Beziehungen zwischen dem Nordatlantischen
Ozean und Emopa im Winterhalbjahr. Met. Zeitschr. 1598, S, 85. — 2% F, Baur, Zur Frage der
Beziehung zwischen der Temperatur des Golfstromes und dem nachfolgenden Temperatureharakter
Mitteleuropas, Met. Zeitschr, 1937, 8, 188,