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Full text: 65, 1937

Raethjen, P.: Hydrodynamische Betrachtungen zu R, Scherhags Höhenzyklonen, 39 
der Höhenzyklonen dadurch auf die natürlichste Weise erklärt werden können, 
wie überhaupt die Gleichgewichtstheorie der Zyklonen die meisten Erscheinungen 
auch der am Boden auftretenden Zyklonen zu erklären imstande ist?) 
Auf den vorliegenden Fall angewendet, lautet die Margulessche Gleich- 
gewichtsbedingung des stetigen Strom- und Dichtefeldes: Nimmt die 
Strömung mit der Höhe zu, so muß damit ein isobares Temperatur- 
gefälle verbunden sein, bei welchem (auf der Nordhalbkugel) die 
Kaltluft links von dem mit dem Wind gehenden Beobachter liegt und 
die Warmluft rechts. Im Zentrum der Zyklonen müssen also die tiefsten 
Temperaturen zu finden sein und am Rande die höchsten. Ein Blick auf die 
Höhenkarten von Scherhag (Fig. 3 und 4, 5 und 6, 8 und 9, 10 und 11 der 
Scherhagschen Arbeit) zeigt, wie gut die troposphärischen Luftmassen die 
Margulessche Gleichgewichtsbedingung erfüllen. Da bei den Höhenzyklonen 
gerade die Zyklonalströmung besonders stark mit der Höhe zunimmt in der 
unteren Troposphäre, treten hier besonders starke horizontale Temperatur- 
unterschiede auf, 
Tritt aber außer der reinen Zyklonalströmung noch eine Driftströmung 
auf, welche ebenfalls mit der Höhe zunimmt, so gilt auch für die Driftströmung 
'mit welcher die Zyklone sich bewegt) die obengenannte Margulessche Gleich- 
zewichtsbedingung, In diesem Falle setzt sich also das gesamte Temperaturfeld 
zusammen aus einem symmetrisch zur Zyklone angeordneten Bestandteil 
(innerhalb der Zyklone kalt und außerhalb warm) und einem unsymmetrischen 
Bestandteil (links der Drift kalt. und rechts warm), welch letzterer das Tempe- 
raturfeld der „Großwetteriage“ darstellt, Auch dieser großzügige und un- 
symmetrische Bestandteil ist in den Höhenkarten von Scherhag zu erkennen 
(wenn man beachtet, daß in Fig. 3 die Warmluft in der Südostecke der Karte 
nicht mit Sicherheit verbürgt, sondern extrapoliert ist). Es zeigt sich also, daß 
die Bewegung dieser Höhenzyklonen nichts anderes ist, als ein Mitschwimmen 
mit der Gleichgewichtsdrift der Großwetterlage., 
Offensichtlich stimmt nun diese Gleichgewichtsdrift der Höhenströmung in 
den beiden von Scherhag gebrachten Beispielen überein mit der Richtung der 
Bodenisobaren. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß dieser Übereinstimmung 
sine Naturgesetzmäßigkeit zugrunde liegt, doch scheint es vom Standpunkt der 
Hydrodynamik aus näher zu liegen, die Bewegung der Höhenzyklonen „Gleich- 
gewichtsdrift“ zu nennen, und nicht „Steuerung durch Bodenisobaren“. 
In diesem Zusammenhang sei noch folgendes ausgeführt: Bereits Aristoteles 
hat den Grundsatz aufgestellt, daß man bei den Naturvorgängen zwei wichtige 
aber meist grundverschiedene Seiten zu unterscheiden habe: 
1. Das „zo6te00p nqds Huds“, die uns direkt durch Wahrnehmung ge- 
gyebene Seite, 
Das „zo6tegor tn qüoEr“, die Seite, welche die naturgesetzmäßigen 
Zusammenhänge zum Ausdruck bringt. 
Im vorliegenden Falle ist durch Wahrnehmung im Wetterdienst direkt 
gegeben, daß die Höhentiefs entlang den Bodenisobaren ziehen. Die Gewöhnung, 
alle Bewegungen mit Isobaren in Verbindung zu bringen, führt dazu, diese Ver- 
knüpfung im Wetterdienst unmittelbar wahrzunehmen, Die im Wetterdienst 
weniger geläufige Margulessche Gleichgewichtshydrodynamik zeigt aber, daß 
die Gleichgewichtsdrift naturgesetzmäßig mit dem obengenannten großzügigen 
und unsymmetrischen Bestandteil des horizontalen Temperäturfeldes verknüpft 
ist. Seit Galilei besteht jeder Fortschritt in den Naturwissenschaften darin, 
daß die beobachteten Zusammenhänge durch die allgemeingültigen Naturgesetze 
„erklärt“ werden. Sollte es da nicht im Interesse naturwissenschaftlicher Denk- 
weise liegen, den Begriff der „Steuerung durch Bodenisobaren“ fallen zu lassen 
und von einer „Übereinstimmung der Bodenisobaren mit der Gleichgewichts- 
drift“ zu reden? 
Man wird darauf vielleicht erwidern, im Wetterdienst komme es nicht auf 
die hydrodynamische oder allgemein-naturgesetzliche Auffassung an, sondern auf 
1y P, Raethjen, Gleichgewichtstheorie der Zyklonen, Met. Z. 1936, 8. 401 ff, 
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