106 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1937,
Bucht von Porto Capellas ebenfalls auf der Nox-dseite der Insel würde am gleichen
Tage folgende Erscheinung beobachtet, Die im der Höhe über die Bucht hinweg-
brausende WSW-Strömung wurde an der östlichen 105 m hohen Steilwand der
Bucht herabgepreßt, so daß die Luftmassen in Fallböen über die Steilwand herab-
stürzten und über der Wasseroberfläche innerhalb der Bucht weiterwirbelten.
Die Bucht war nach Norden zu geöffnet, Während nun etwa 20 m oberhalb
der erwähnten Steilwand der WSW-Sturm mit über 20 m/sec dahinfegte, waren
am Fuße der Steilwand Böenstöße aus allen möglichen Richtungen zu erkennen.
Die aufgepeitschten Gischtfahnen, die wirbelartig in Spiralen über die Wasser-
oberfläche der Bucht dahinjagten, machten die Verwirbelung der Luft innerhalb
des von Steilwänden umgebenen Kessels sichtbar.
Sehr eindrucksvoll war die Wirkung des Sturmes auf die anrollende Brandung
auf der Nordseite der Insel. An den flachen, offenen Uferstellen der Nordküste
vollte von den Vortagen her eine hohe Dünung aus N mit Grundseen an, gegen
die der SW-Sturm anpeitschte, so daß die Kämme der Brandungswellen abgerissen
wurden und die See bis weit hinaus als weiße Schaum- und Gischtfläche erschien.
Über der Wasseroberfläche stand an der ganzen Küste entlang ein etwa 10 m
hohes Nebelband. Es war der vom Sturme fortgetriebene feine Wasserstaub,
Sturmwirkungen in Horta,
In Horta, wo der Sturm zur vollen Orkanstärke angewachsen war, wurden
Gebäude beschädigt, und an einer nach der Südseite der Insel führenden Straße
wurde ein langes Stück einer breiten Schutzmauer von der Gewalt der an-
drängenden See weggerissen, trotzdem an dieser Stelle die Küste durch viele
vorgelagerte Basaltriffe gegen die anbrandende See in natürlicher Weise ge-
schützt ist, Auf der ganzen Insel waren bis zu einer beträchtlichen Höhe alle
nach SW und W freigelegenen Bäume, Sträucher und Wälder auf der Luvseite
durch den mit Salzteilchen angereicherten Gischt, der durch den Sturm bis weit
in das Innere der Insel hineingefegt wurde, zerstört worden. Es war sehr
interessant zu beobachten, wie bei den einzelnen Bäumen und Sträuchern nur
die Luvseite und an dieser wieder oft nur ein Teil abgestorben war und hell-
öraun erschien, während ein anderer Teil, der irgendwie durch eine Mauer oder
sin sonstiges in der Sturmrichtung stehendes Objekt geschützt war, noch satt-
grün erschien, Man konnte das sogar an den einzelnen Blättern beobachten,
von denen oft nur die eine Hälfte abgestorben und braun, die andere geschützte
Hälfte völlig frisch geblieben war. Diese Verwüstung der Vegetation macht es
verständlich, daß auf allen Azoren-Inseln sämtliche Obstgärten von hohen Mauern
oder zum mindesten von hoben Hecken umgeben sind und daß auch alle Äcker
mit Schilf oder mit lebenden Hecken eingezäunt sind. An verschiedenen Stellen
der Inseln konnte man aus dem Auftreten der Vegetations-Verwüstung Rück-
schlüsse auf den Verlauf der Stromlinien beim Anpralien des Sturmes auf die
[Insel ziehen. An Stellen, wo z.B. die Küste steil abfiel, war durch das Hoch-
reißen der Stromlinien die Vegetation am Inselrande unversehrt, während die
Beschädigung sich erst in etwas höherer Lage oder mehr landeinwärts zeigte,
Auch in Buchten war auf diese Weise die Ablenkung und Verwirbelung des
Windes nachträglich festzustellen. Noch schlimmer als auf Fayal wirkte sich der
Sturm an der Küste der gegenüberliegenden Insel Pico aus, wo die SW- und
W-Stürme in voller Wucht anbranden. Ein großes Stück Land wurde hier von
der SW-Küste der Insel fortgerissen und hohe Brandungswellen rollten an einer
der wenigen Landungsstellen der Steilküste über 50 m landeinwärts.
Unter diesem Sturme hatte auch die Schiffahrt schwer zu leiden. Alle
Schiffe im Azorenbereich sowie im Westen und Südwesten der Inselgruppe melden
anhaltenden Sturm 11 bis 12 oder Sturmböen mit Regen oder Hagel, Beispiels-
weise mußte der 5100 t-Tankdampfer „Winnetou“ der Hansa-Tank- Reederei,
Hamburg, nach dem Sturme mit schwerer Havarie Horta als Nothafen anlaufen.
Um ein Bild von der Gewalt der Sturmsee zu geben, sei nachfolgend ein Auszug
aus dem Bericht dieses Tankdampfers mit Genehmigung der Hansa-Tank-Reederei
gegeben.